Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Glasfenster der Gedächtniskirche der Protestation in Speyer gehören zu den bedeutendsten Bestandteilen ihrer historischen Ausstattung. Sie entstanden im Zusammenhang mit dem Bau der Kirche gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und haben sich trotz der wechselvollen Geschichte des Bauwerks in großer Zahl erhalten.
Das umfangreiche Bildprogramm beschränkt sich nicht auf biblische Darstellungen. Neben Szenen aus dem Alten und Neuen Testament erscheinen zahlreiche Persönlichkeiten und Ereignisse der Reformationsgeschichte. Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin und Huldrych Zwingli finden sich ebenso in den Glasmalereien wie die Reichstage von Worms, Speyer und Augsburg oder Persönlichkeiten, die die reformatorische Bewegung unterstützten.
Die Fenster sind dabei nicht wahllos über den Kirchenraum verteilt. Mehrere zusammengehörige Bildzyklen verbinden biblische Themen, christliche Glaubensinhalte und reformationsgeschichtliche Ereignisse miteinander. Besonders umfangreiche Programme befinden sich im Chor, im Langhaus, über den Emporen, in den Querhäusern und in der Gedächtnishalle.
Diese Dokumentation stellt die erhaltenen Glasfenster nach ihrer Lage und ihrem jeweiligen Bildzusammenhang vor.
Der Kaiserchor
Die fünf großen Glasfenster des polygonalen Chores werden als Kaiserchor bezeichnet. Sie wurden von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria gestiftet und bilden eine symmetrisch aufgebaute Bildfolge.
Im Mittelpunkt steht Christus. Ihm zur Seite stehen die Apostel Paulus und Johannes sowie bedeutende Vertreter der Reformation.
Philipp Melanchthon und Martin Luther
Das erste Fenster des Kaiserchores zeigt die Reformatoren Philipp Melanchthon und Martin Luther. Beide stehen einander zugewandt gegenüber und reichen sich die Hand.
Die Darstellung verweist auf ihre enge Zusammenarbeit während der Reformation. Melanchthon gehörte seit seiner Berufung an die Universität Wittenberg zu Luthers wichtigsten Weggefährten und wirkte maßgeblich an der theologischen Ausarbeitung und Verbreitung reformatorischer Lehren mit.
Innerhalb des Kaiserchores bildet das Fenster den reformationsgeschichtlichen Gegenpart zum gegenüberliegenden Fenster mit Huldrych Zwingli und Johannes Calvin. Während Luther und Melanchthon einander persönlich kannten und deshalb mit Handschlag dargestellt werden, fehlt diese Geste bei Zwingli und Calvin.
Das Fenster wurde wie die übrigen fünf Großfenster des Chorpolygons von der Münchner Hofglasmalerei Karl de Bouché ausgeführt.
Der Apostel Paulus
Das zweite Fenster des Kaiserchores zeigt den Apostel Paulus. Er steht unmittelbar links vom zentralen Christusfenster und bildet damit gemeinsam mit dem gegenüber dargestellten Apostel Johannes einen Teil der symmetrischen Anordnung des Chores.
Paulus ist mit einem Schwert dargestellt, seinem traditionellen Attribut in der christlichen Kunst. Es erinnert an seinen Märtyrertod und macht ihn innerhalb der figurenreichen Glasmalerei eindeutig erkennbar.
Als einer der bedeutendsten Verkündiger des frühen Christentums nimmt Paulus innerhalb des Bildprogramms eine besondere Stellung ein. Seine Briefe gehören zu den ältesten Schriften des Neuen Testaments und hatten großen Einfluss auf die christliche Theologie.
Im Kaiserchor steht Paulus zwischen den Reformatoren Luther und Melanchthon und dem zentral dargestellten Christus. Damit führt die Anordnung von den Reformatoren über den Apostel zum Mittelpunkt des gesamten Chorfensterprogramms.
Der auferstandene und segnende Christus
Das mittlere Fenster des Kaiserchores zeigt den auferstandenen und segnenden Christus. Es bildet den Mittelpunkt der fünf großen Chorfenster und dominiert durch seine zentrale Stellung die gesamte Fenstergruppe.
Christus ist als segnende Gestalt dargestellt. Die Kirchengemeinde beschreibt ihn zugleich als himmelwärts fahrenden Christus und verbindet die Darstellung mit dem Heilandsruf „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“. Innerhalb des Chorprogramms nimmt Christus damit die zentrale Stellung zwischen den Aposteln und den Reformatoren ein.
Links schließen sich der Apostel Paulus sowie Luther und Melanchthon an, rechts der Apostel Johannes sowie Zwingli und Calvin. Durch diese symmetrische Anordnung wird Christus zum Mittelpunkt einer Bildfolge, die biblische Verkündigung und Reformationsgeschichte miteinander verbindet.
Der Apostel Johannes
Das vierte Fenster des Kaiserchores zeigt den Apostel Johannes. Er befindet sich unmittelbar rechts vom zentralen Christusfenster und steht damit dem Apostel Paulus auf der gegenüberliegenden Seite des Chores gegenüber.
Johannes ist mit einem Kelch dargestellt, einem seiner traditionellen Attribute in der christlichen Kunst. Dieses Attribut geht auf eine Legende zurück, nach der Johannes einen vergifteten Trank erhalten haben soll, dessen Gift ihm jedoch nichts anhaben konnte.
Innerhalb des Kaiserchores gehört Johannes zu den beiden neutestamentlichen Gestalten, die das zentrale Christusfenster unmittelbar flankieren. Auf seiner rechten Seite schließt sich das Fenster mit den Reformatoren Huldrych Zwingli und Johannes Calvin an.
Damit setzt sich die symmetrische Anordnung des Kaiserchores fort: Christus steht im Mittelpunkt, daneben folgen auf beiden Seiten jeweils ein Apostel und anschließend zwei bedeutende Reformatoren.
Huldrych Zwingli und Johannes Calvin
Das fünfte und letzte Fenster des Kaiserchores zeigt die Reformatoren Huldrych Zwingli und Johannes Calvin. Es bildet den rechten Abschluss der fünf großen Chorfenster und steht dem Fenster mit Philipp Melanchthon und Martin Luther auf der gegenüberliegenden Seite gegenüber.
Zwingli gehört zu den wichtigsten Vertretern der Reformation in der Schweiz und prägte besonders die Entwicklung der reformierten Kirche in Zürich. Johannes Calvin führte die reformatorische Bewegung in Genf weiter und beeinflusste mit seiner Theologie zahlreiche protestantische Kirchen in Europa.
Gemeinsam mit Luther und Melanchthon vertreten Zwingli und Calvin innerhalb des Kaiserchores unterschiedliche Strömungen der Reformation. Zwischen beiden Reformatorenpaaren stehen die Apostel Paulus und Johannes sowie im Zentrum der auferstandene und segnende Christus.
Damit schließt das Fenster die symmetrisch aufgebaute Folge des Kaiserchores ab.
Die Sakramentsfenster im Vorchor
Neben den Fenstern des Kaiserchores befinden sich im Vorchor zwei große Glasmalereien, die den beiden im Protestantismus anerkannten Sakramenten Taufe und Abendmahl gewidmet sind.
Das Tauffenster
Das Tauffenster befindet sich im Vorchor und ist dem Sakrament der Taufe gewidmet. Dargestellt ist die biblische Szene, in der Jesus Kinder zu sich kommen lässt und sie segnet.
Eine Besonderheit des Fensters liegt in der Verbindung der biblischen Darstellung mit der Stiftungsgeschichte der Gedächtniskirche. In die Figurengruppe um Jesus wurden Angehörige der Stifterfamilie Weltz aufgenommen. Dadurch finden sich in der Glasmalerei neben dem religiösen Bildthema auch Porträts von Menschen wieder, die zur Ausstattung der Kirche beigetragen haben.
Das Fenster gehört gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Abendmahlsfenster zum Sakramentszyklus des Vorchores und ergänzt die fünf großen Fenster des Kaiserchores.
Das Abendmahlsfenster
Das gegenüberliegende Fenster im Vorchor ist dem Sakrament des Abendmahls gewidmet. Anders als viele traditionelle Abendmahlsdarstellungen zeigt es jedoch nicht das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern.
Dargestellt sind Kurfürst Joachim II. von Brandenburg und seine Gemahlin, die im Jahr 1539 in Berlin erstmals das Abendmahl unter beiderlei Gestalt empfangen. Gemeint ist damit der Empfang von Brot und Wein durch die Gemeinde, wie er zu einem wichtigen Bestandteil der reformatorischen Abendmahlspraxis wurde.
Das Fenster verbindet damit das Sakrament unmittelbar mit einem Ereignis der Reformationsgeschichte. Gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Tauffenster bildet es den Sakramentszyklus des Vorchores und ergänzt die fünf großen Fenster des Kaiserchores.
Die großen Querhausrosen
An den beiden Querhausfassaden befinden sich zwei monumentale Rosenfenster. Sie gehören aufgrund ihrer Größe und ihrer umfangreichen Bildprogramme zu den auffälligsten Glasmalereien der Kirche.
Das Märtyrerfenster
Die Rose im linken Querhaus wird als Märtyrerfenster bezeichnet. Im Zentrum befindet sich ein weißes Kreuz, das aus der sogenannten Lutherrose übernommen wurde. Die umliegenden Darstellungen greifen Personen und Ereignisse der Reformations- und Kirchengeschichte auf und erinnern insbesondere an Menschen, die für ihren Glauben Verfolgung und Tod erlitten.
Entworfen wurde das Fenster 1903 von Jakob Bradl in München; ausgeführt wurde es von der Königlich-bayerischen Hofglasmalerei Ostermann und Hartwein.
Das Missionsfenster
Die gegenüberliegende Rose im rechten Querhaus trägt den Namen Missionsfenster. Ihr Bildprogramm nimmt Bezug auf den Missionsauftrag aus dem Matthäusevangelium und behandelt die Verbreitung des Evangeliums in alle Welt.
Auch dieses Fenster wurde von Jakob Bradl entworfen und von der Hofglasmalerei Ostermann und Hartwein ausgeführt. Der Entwurf stammt aus dem Jahr 1904.
Mit ihren großformatigen Bildprogrammen verbinden beide Querhausrosen biblische Themen mit der Geschichte des Protestantismus und gehören zu den bedeutendsten Glasmalereien der Gedächtniskirche.
Hoffnung, Glaube und Liebe
Sechs Fenster im Erdgeschoss des Langhauses bilden einen zusammengehörigen Zyklus zu den drei christlichen Tugenden Hoffnung, Glaube und Liebe. Jeweils zwei gegenüberliegende Darstellungen gehören inhaltlich zusammen.
Hoffnung – Sterbebett einer Christin und Steinigung des Stephanus
Zwei gegenüberliegende Fenster im Langhaus sind dem Thema der christlichen Hoffnung gewidmet.
Das eine Fenster zeigt das Sterbebett einer Christin. Die Darstellung verbindet den nahenden Tod mit der Hoffnung auf das ewige Leben und stellt damit das Vertrauen des christlichen Glaubens über das Ende des irdischen Lebens hinaus in den Mittelpunkt.
Das gegenüberliegende Fenster zeigt die Steinigung des Stephanus, der nach der Apostelgeschichte als erster christlicher Märtyrer gilt. Auch diese Szene verbindet den Tod mit der Hoffnung auf das Leben bei Gott.
Beide Fenster greifen damit dasselbe Grundthema auf, zeigen es jedoch anhand zweier unterschiedlicher Situationen: dem Sterben eines gläubigen Menschen und dem gewaltsamen Tod eines Märtyrers.
Hinweis: Vom gegenüberliegenden Fenster „Die Steinigung des Stephanus“ liegt derzeit keine eigene fotografische Aufnahme vor.
Glaube – Abrahams Versuchung und der Hauptmann von Kapernaum
Zwei weitere gegenüberliegende Fenster des Langhauses sind dem Thema des christlichen Glaubens gewidmet.
Das eine Fenster zeigt die Versuchung Abrahams, bei der Abraham bereit ist, seinen Sohn Isaak zu opfern. Die alttestamentliche Erzählung steht innerhalb des Fensterprogramms für das Vertrauen Abrahams auf Gott.
Das gegenüberliegende Fenster zeigt den Hauptmann von Kapernaum, der Jesus um die Heilung seines Dieners bittet. Nach dem Matthäusevangelium hebt Jesus den außergewöhnlichen Glauben des Hauptmanns ausdrücklich hervor.
Die beiden Darstellungen verbinden damit eine Szene des Alten und eine des Neuen Testaments und stellen den Glauben an Gott anhand zweier unterschiedlicher biblischer Erzählungen dar.
Hinweis: Vom gegenüberliegenden Fenster „Hauptmann von Kapernaum“ liegt derzeit keine eigene fotografische Aufnahme vor.
Liebe – Diakonisches Wirken und Jesus bei Maria und Martha
Das dritte Fensterpaar des Langhauses ist der christlichen Liebe gewidmet.
Das eine Fenster zeigt die Tätigkeit von Diakonissen. Dargestellt ist diakonisches Handeln als tätige Nächstenliebe: Hilfe für Bedürftige, Kranke und auf Unterstützung angewiesene Menschen wird damit unmittelbar zum Thema des Fensters.
Das gegenüberliegende Fenster zeigt Jesus bei Maria und Martha nach dem Lukasevangelium. Die Szene greift ebenfalls das Thema der Zuwendung und des Dienens auf und verbindet es mit einer biblischen Erzählung aus dem Leben Jesu.
Gemeinsam bilden beide Fenster den Abschluss des sechsteiligen Zyklus zu Hoffnung, Glaube und Liebe im Erdgeschoss des Langhauses.
Hinweis: Vom gegenüberliegenden Fenster „Jesus bei Maria und Martha“ liegt derzeit keine eigene fotografische Aufnahme vor.
Die vier Stadtallegorien der Reformationsgeschichte
Vier weitere Fenster stellen bedeutende Orte der Reformationsgeschichte als weibliche Personifikationen dar. Gemeinsam führen sie von den frühen reformatorischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts bis zu den konfessionellen Konflikten des Dreißigjährigen Krieges.
Das protestierende Speyer – 1529
Eines der Fenster unterhalb der Empore ist der Stadt Speyer und dem Reichstag des Jahres 1529 gewidmet. Speyer erscheint dabei als weibliche allegorische Figur und steht für die Protestation, an die die Gedächtniskirche erinnert.
Auf dem zweiten Speyerer Reichstag widersprachen sechs Fürsten und vierzehn freie Reichsstädte dem Beschluss der katholischen Mehrheit, die reformatorischen Neuerungen wieder einzuschränken. Dieser Widerspruch vom 19. April 1529 wurde später unter der Bezeichnung Protestation von Speyer bekannt.
Das Fenster stellt Speyer damit als einen der zentralen Orte der Reformationsgeschichte dar und nimmt unmittelbar auf den historischen Anlass für die Errichtung der Gedächtniskirche Bezug.
Das trotzende Worms – 1521
Das zweite allegorische Stadtfenster ist Worms und dem dortigen Reichstag des Jahres 1521 gewidmet. Die Stadt erscheint auch hier als weibliche Figur und steht für Luthers Auftreten vor Kaiser und Reich.
Auf dem Wormser Reichstag wurde Martin Luther aufgefordert, seine Schriften zu widerrufen. Er lehnte dies ab und hielt an seinen reformatorischen Überzeugungen fest. Der Reichstag endete mit dem Wormser Edikt, durch das Luther geächtet und die Verbreitung seiner Schriften untersagt wurde.
Innerhalb des Fensterprogramms steht Worms damit für den Widerstand Luthers gegen den geforderten Widerruf und bildet einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur späteren Protestation von Speyer.
Das bekennende Augsburg – 1530
Das dritte allegorische Stadtfenster ist Augsburg und dem Reichstag des Jahres 1530 gewidmet. Die weibliche Personifikation der Stadt erinnert an die Übergabe der Confessio Augustana, des Augsburger Bekenntnisses.
Am 25. Juni 1530 wurde das von Philipp Melanchthon verfasste Bekenntnis vor Kaiser Karl V. verlesen. Darin legten die evangelischen Reichsstände ihre Glaubensgrundsätze dar und versuchten zugleich, ihre Position innerhalb der kirchlichen Auseinandersetzungen zu begründen.
Augsburg steht innerhalb des Fensterprogramms deshalb für das öffentliche Bekenntnis des evangelischen Glaubens und führt die reformationsgeschichtliche Folge nach Worms 1521 und Speyer 1529 weiter.
Das trauernde Magdeburg – 1631
Das vierte allegorische Stadtfenster ist Magdeburg gewidmet. Anders als die Darstellungen von Worms, Speyer und Augsburg erinnert es nicht an einen Reichstag oder ein Bekenntnis, sondern an die Zerstörung der protestantisch geprägten Stadt im Dreißigjährigen Krieg.
Am 20. Mai 1631 wurde Magdeburg von kaiserlichen Truppen unter Johann T’Serclaes von Tilly und Gottfried Heinrich zu Pappenheim erobert. Bei den anschließenden Kämpfen und einem verheerenden Stadtbrand wurden große Teile Magdeburgs zerstört; zahlreiche Einwohner kamen ums Leben.
Die als „trauerndes Magdeburg“ dargestellte weibliche Figur erinnert innerhalb des Fensterprogramms an dieses Ereignis und an die schweren Folgen der konfessionellen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts.
Mit Magdeburg endet die Reihe der vier Stadtallegorien, die wichtige Stationen und Folgen der Reformationsgeschichte von Worms 1521 über Speyer 1529 und Augsburg 1530 bis Magdeburg 1631 zusammenführt.
Fensterzyklus zum Leben Jesu
Ein weiterer umfangreicher Zyklus führt durch verschiedene Stationen aus dem Leben Jesu und reicht von seiner Kindheit über sein öffentliches Wirken und die Passion bis zu Auferstehung und Pfingsten.
Das Weihnachtsfenster
Den Beginn des Zyklus bildet das Weihnachtsfenster oberhalb der Empore. Seine Darstellung ist dem Weihnachtsgeschehen und damit dem Beginn des irdischen Lebens Jesu gewidmet.
Innerhalb der Folge bildet dieses Fenster den Ausgangspunkt für die weiteren Szenen, die anschließend verschiedene Stationen aus dem Leben, der Passion und der Überlieferung von Jesus Christus zeigen.
Der zwölfjährige Jesus im Tempel
Das nächste Fenster des Zyklus zeigt den zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die Darstellung bezieht sich auf die Erzählung im Lukasevangelium, nach der Maria und Josef Jesus nach dem Passahfest zunächst vermissen und ihn schließlich im Tempel von Jerusalem unter den Lehrern wiederfinden.
Jesus sitzt dort im Gespräch mit den Schriftgelehrten, die über sein Verständnis und seine Antworten erstaunt sind. Die Szene gehört zu den wenigen biblischen Überlieferungen aus der Kindheit Jesu und schließt innerhalb des Fensterzyklus unmittelbar an die Weihnachtsdarstellung an.
Das Fenster wurde der Gedächtniskirche von der niederländischen Königin gestiftet und ist damit zugleich Teil der umfangreichen internationalen Stiftungsgeschichte des Kirchenbaus.
Jesus heilt den Kranken am Teich Bethesda
Das Fenster zeigt die Heilung eines Kranken am Teich Bethesda. Die Darstellung bezieht sich auf die Erzählung im Johannesevangelium, nach der Jesus in Jerusalem einem Mann begegnet, der bereits seit vielen Jahren krank ist.
Der Mann wartet am Teich Bethesda darauf, geheilt zu werden. Jesus fordert ihn schließlich auf, aufzustehen, seine Matte zu nehmen und zu gehen. Der Kranke wird daraufhin gesund.
Innerhalb des Fensterzyklus folgt diese Szene auf die Darstellung des zwölfjährigen Jesus im Tempel und zeigt damit einen weiteren Abschnitt aus dem Leben und Wirken Jesu.
Jesus im Garten Gethsemane
Das Fenster zeigt Jesus im Garten Gethsemane am Abend vor seiner Gefangennahme. Die Darstellung bezieht sich auf die biblische Überlieferung, nach der Jesus sich nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern an diesen Ort zurückzieht und dort betet.
Im Mittelpunkt steht sein Gebet angesichts des bevorstehenden Leidens und Todes. Jesus bittet darum, dass ihm dieses Schicksal erspart bleiben möge, fügt sich jedoch zugleich dem Willen Gottes.
Das Fenster gehört innerhalb des Zyklus bereits zum Beginn der Passionsgeschichte und leitet damit zu den folgenden Darstellungen von Kreuzigung und Grablegung über.
Die Kreuzigung Jesu
Das Fenster zeigt die Kreuzigung Jesu auf Golgatha und damit einen der zentralen Abschnitte der Passionsgeschichte.
Im Mittelpunkt steht Christus am Kreuz. Die Darstellung greift die Berichte der Evangelien über die Hinrichtung Jesu auf und bildet innerhalb des Fensterzyklus den unmittelbaren Höhepunkt der vorausgehenden Passionsdarstellungen.
Auf die Kreuzigung folgt innerhalb der Bildfolge die Grablegung Jesu, bevor der Zyklus mit Auferstehung und Pfingsten fortgeführt wird.
Die Grablegung Jesu
Das Fenster zeigt die Grablegung Jesu nach seinem Tod am Kreuz. Nach den Berichten der Evangelien wurde der Leichnam Jesu von Josef von Arimathäa vom Kreuz genommen und in einem Grab beigesetzt.
Die Darstellung gehört unmittelbar zur Passionsgeschichte und schließt an das Kreuzigungsfenster an. Sie zeigt den Übergang zwischen Tod und Auferstehung und bildet damit innerhalb des Fensterzyklus das Bindeglied zu den folgenden Ereignissen.
Auf die Grablegung folgt in der Bildfolge die Darstellung der Auferstehung Jesu.
Die Auferstehung Jesu
Das Fenster zeigt die Auferstehung Jesu und damit das zentrale Ereignis des christlichen Osterglaubens.
Nach der biblischen Überlieferung wurde das Grab Jesu am dritten Tag nach seiner Kreuzigung leer aufgefunden. Die Auferstehung bildet den Wendepunkt der Passionsgeschichte und steht für die Überwindung von Tod und Grab.
Innerhalb des Fensterzyklus folgt die Darstellung unmittelbar auf Kreuzigung und Grablegung und führt die Bildfolge vom Leiden und Tod Jesu hin zur österlichen Botschaft.
Das Pfingstfenster
Das letzte Fenster des Zyklus zeigt das Pfingstgeschehen. Nach der Apostelgeschichte versammelten sich die Jünger Jesu in Jerusalem, als der Heilige Geist über sie kam. Die biblische Überlieferung beschreibt dieses Ereignis als den Beginn ihrer öffentlichen Verkündigung.
Innerhalb des Fensterprogramms folgt Pfingsten auf die Darstellungen von Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung. Damit führt der Zyklus über das irdische Leben Jesu hinaus bis zum Beginn der christlichen Gemeinde.
Das Pfingstfenster befindet sich im unteren Bereich des Seitenschiffs und liegt teilweise hinter der Kanzel, wodurch es im Kirchenraum weniger unmittelbar auffällt als einige der übrigen Fenster.
Die Großfenster über den Emporen – Berufung und Verkündigung
Sechs große Fenster über den Emporen bilden einen weiteren zusammenhängenden Zyklus. Jeweils zwei Fenster stehen einander gegenüber und verbinden Szenen der Verkündigung mit Berufungserzählungen aus Altem Testament, Neuem Testament und Reformationsgeschichte.
Mose am Sinai und die Berufung Jesajas
Das erste Fensterpaar greift zwei Ereignisse aus dem Alten Testament auf.
Das eine Fenster zeigt Mose auf dem Berg Sinai, wo er nach der biblischen Überlieferung von Gott die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten empfängt. Die Szene steht damit für die Übergabe des göttlichen Gesetzes an das Volk Israel.
Gegenüber befindet sich die Berufung des Propheten Jesaja. Nach dem Buch Jesaja erlebt der Prophet eine Vision Gottes und erhält den Auftrag, dessen Botschaft zu verkünden.
Beide Fenster stellen damit zwei unterschiedliche Formen göttlichen Auftrags gegenüber: die Übergabe des Gesetzes an Mose und die Berufung Jesajas zum Propheten.
Die Bergpredigt und die Berufung des Paulus
Das zweite Fensterpaar führt in das Neue Testament.
Das eine Fenster zeigt die Bergpredigt Jesu. Nach dem Matthäusevangelium richtet sich Jesus dabei an seine Jünger und die versammelte Menge. Zu den bekanntesten Teilen dieser Rede gehören die Seligpreisungen sowie zahlreiche Aussagen über Glauben, Gebet und das Zusammenleben der Menschen.
Gegenüber befindet sich die Berufung des Paulus. Dargestellt ist das Ereignis auf dem Weg nach Damaskus, bei dem der zunächst als Verfolger der Christen auftretende Saulus eine Erscheinung Christi erlebt. Dieses Erlebnis führt zu seiner Bekehrung; unter dem Namen Paulus wird er später zu einem der bedeutendsten Verkündiger des frühen Christentums.
Wie beim vorausgehenden alttestamentlichen Fensterpaar stehen sich damit erneut Verkündigung und Berufung gegenüber: die Lehre Jesu in der Bergpredigt und die Berufung des Paulus zu seinem späteren apostolischen Wirken.
Luthers Thesenanschlag und die Berufung Calvins
Das dritte Fensterpaar führt in die Reformationsgeschichte.
Das eine Fenster zeigt Martin Luther beim Thesenanschlag in Wittenberg im Jahr 1517. Innerhalb des Fensterprogramms steht diese Szene in einer Reihe mit Mose am Sinai und der Bergpredigt Jesu. Damit werden Luthers Thesen als Teil einer Folge von Verkündigung und Glaubenszeugnis dargestellt.
Gegenüber befindet sich die Berufung Johannes Calvins durch Guillaume Farel. Farel drängte Calvin im Jahr 1536, in Genf zu bleiben und sich dort am Aufbau der reformierten Kirche zu beteiligen. Das Fenster stellt diesen Moment als Berufung Calvins zu seinem späteren Wirken in Genf dar.
Wie bei den beiden vorausgehenden Fensterpaaren stehen sich damit erneut Verkündigung und Berufung gegenüber. Zugleich schließen Luther und Calvin die Folge ab, die zuvor durch entsprechende Szenen aus dem Alten und Neuen Testament vorbereitet wurde.
Die Fenster der Gedächtnishalle
Über den drei Eingangsportalen der Gedächtnishalle befindet sich ein eigener reformationsgeschichtlicher Fensterzyklus. Im Mittelpunkt steht Martin Luther; die seitlichen Fenster erinnern an Fürsten und Reichsritter, die die reformatorische Bewegung unterstützten.
Luther verbrennt die päpstliche Bannandrohungsbulle
Das mittlere Fenster über den Eingangsportalen zeigt Martin Luther bei der Verbrennung der päpstlichen Bannandrohungsbulle im Jahr 1520.
Papst Leo X. hatte Luther mit der Bulle Exsurge Domine aufgefordert, zahlreiche seiner Lehren zu widerrufen, und ihm andernfalls die Exkommunikation angedroht. Luther verbrannte am 10. Dezember 1520 vor dem Elstertor in Wittenberg öffentlich ein Exemplar der päpstlichen Bulle sowie weitere kirchenrechtliche Schriften.
Die Darstellung erinnert damit an den endgültigen Bruch zwischen Luther und der päpstlichen Autorität, der zu den entscheidenden Ereignissen der frühen Reformationsgeschichte gehört.
Ludwig II. von Pfalz-Zweibrücken und Ottheinrich von der Pfalz
Das seitliche Fenster zeigt Ludwig II. von Pfalz-Zweibrücken und Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz. Beide werden innerhalb des Fensterprogramms als Förderer und Unterstützer der Reformation dargestellt.
Ludwig II. nahm bereits als junger Mann am Reichstag zu Worms 1521 teil und wandte sich in den folgenden Jahren der lutherischen Lehre zu. Er unterstützte die reformatorische Bewegung in seinem Herrschaftsgebiet und war auch an den Bemühungen beteiligt, die unterschiedlichen reformatorischen Strömungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dazu gehörte das Marburger Religionsgespräch von 1529.
Ottheinrich stand unter anderem mit Philipp Melanchthon in Verbindung. Nach seinem Regierungsantritt als Kurfürst führte er 1556 die Reformation in der Kurpfalz offiziell ein und prägte damit die weitere konfessionelle Entwicklung Heidelbergs und seines Herrschaftsgebietes.
Das Fenster erinnert damit an zwei pfälzische Fürsten, die auf unterschiedliche Weise zur Ausbreitung und Festigung der Reformation beitrugen.
Friedrich der Weise und Franz von Sickingen
Das zweite seitliche Fenster zeigt Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen und den Reichsritter Franz von Sickingen. Beide werden innerhalb des Fensterprogramms als Unterstützer der frühen Reformation dargestellt.
Friedrich der Weise setzte sich dafür ein, dass Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms im Jahr 1521 angehört wurde. Nach Luthers Abreise ließ er ihn zu seinem Schutz auf die Wartburg bringen, wo Luther unter dem Namen „Junker Jörg“ verborgen lebte und mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche begann.
Auch Franz von Sickingen unterstützte reformatorische und humanistische Kreise. Auf seiner Ebernburg gewährte er mehreren Anhängern der Reformation Schutz. Im Vorfeld des Wormser Reichstags ließ er Luther sogar anbieten, auf der Ebernburg Zuflucht zu nehmen.
Das Fenster erinnert damit an zwei Persönlichkeiten, die auf unterschiedliche Weise dazu beitrugen, Martin Luther und die frühe reformatorische Bewegung zu schützen und zu fördern.
Quellenangaben
- Pfarrgemeinde bzw. Informationstafel der St.-Michael-Kapelle Alken
- Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz
- Fachliteratur zur mittelalterlichen Wandmalerei und gotischen Sakralkunst
- Eigene fotografische Dokumentation (2023)
- Weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen und Denkmalinventare
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