The Camino History · Trierer Dom · Grabkunst der Renaissance

Epitaph Werner und Georg von der Leyen

Ein vielteiliges Kreuzigungsrelief im Domkreuzgang – zwischen spätgotischer Bildtradition und Renaissance.

Epitaph Werner und Georg von der Leyen · © The Camino History
Um 1535Entstehung
1435 / 1534Inschriftliche Todesjahre
RenaissanceMit spätgotischen Formen
DomkreuzgangNordflügel
01 · Einführung

Ein Kreuzigungsbild als Familiengedächtnis

An der Nordwand des Trierer Domkreuzgangs erinnert ein reich gegliedertes Renaissance-Epitaph an Werner und Georg von der Leyen. Im Zentrum steht die Kreuzigung Christi, umgeben von zahlreichen Figuren und kleineren Bildmotiven. Zwei kniende Geistliche in den unteren Ecken verweisen auf die Personen, deren Gedächtnis das Monument gewidmet ist.

Das Epitaph entstand im Umfeld der Trierer Renaissancekunst um 1535. Sein Aufbau erinnert noch an spätgotische Schreinaltäre, während die Rahmung bereits Renaissance-Ornamentik verwendet. Franz J. Ronig hebt diese Verbindung der Stilformen ausdrücklich hervor. Die genaue Werkstattzuweisung ist in der Forschung nicht einheitlich. [INVENTAR] [DEHIO]

StandortNordflügel des Domkreuzgangs, Trier
EntstehungUm 1535
GattungWandepitaph mit Kreuzigungsrelief
MaterialGrauer, feinkörniger Sandstein
02 · Standort

Der Nordflügel des Domkreuzgangs

Das Denkmal ist in die Nordwand des Kreuzgangs eingelassen, zwischen dem Domportal und der Savignykapelle. Die Datenbank der Kulturgüter in der Region Trier nennt eine Höhe von etwa 2,97 Metern und eine Breite von 1,73 Metern. Der steinerne Aufbau beansprucht damit eine beträchtliche Wandfläche. [INVENTAR]

Der Kreuzgang war nicht nur ein Verbindungsraum, sondern zugleich ein Ort des Gedächtnisses an Mitglieder des Domklerus. Grabplatten und Epitaphien bewahren dort Namen, kirchliche Ämter und religiöse Bildprogramme verschiedener Jahrhunderte.

03 · Personen

Werner und Georg von der Leyen

Beide Männer gehörten zum Trierer Domklerus und zur Familie von der Leyen. Wolfgang Schmid bezeichnet Georg als Großneffen Werners. Das Epitaph verbindet damit das Totengedächtnis zweier Angehöriger derselben Familie, die unterschiedlichen Generationen angehörten. [SCHMID]

Für Werner nennt die im älteren Denkmälerinventar überlieferte Inschrift das Jahr 1435; auch die Personendatenbank Germania Sacra führt dieses Todesjahr. Für Georg nennt die Inschrift 1534. In den prosopografischen Angaben der Germania Sacra wird Georgs Tod dagegen mit 1533 angegeben. Die Abweichung betrifft die Lebensdaten, nicht die Einordnung des Epitaphs in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. [INVENTAR] [GSW] [GSG]

In Franz J. Ronigs Darstellung von 1980 erscheint für Werner die Angabe „gest. 1535“ und für Georg „gest. 1534“. Für Werner weicht diese Jahreszahl um ein Jahrhundert von der überlieferten Grabinschrift und der personengeschichtlichen Forschung ab. Die Jahreszahl 1435 ist daher für seine Biografie besser belegt.

04 · Architektur

Zwischen Schreinaltar und Renaissance

Der Aufbau ist klar in ein großes zentrales Bildfeld, seitliche ornamentierte Rahmenzonen und eine obere Bekrönung gegliedert. Nach Ronig steht die Gestaltung noch in der Tradition des spätgotischen Schreinaltars. Zugleich verwendet sie Dekorationsformen der Renaissance: flächig ornamentierte Pilaster, Medaillons und eine deutlich gegliederte Rahmung.

Das Relief verbindet den architektonisch gefassten Bildraum mit zahlreichen Figuren in unterschiedlicher Tiefe. Die Komposition wirkt durch ihre gedrängte Fülle lebendig; die steinerne Rahmung ordnet diese Bewegung in eine feste Struktur ein.

Das Denkmälerinventar beschreibt den Aufbau als Verbindung von italienisch geprägtem Tabernakeltypus und spätgotischem Schreinaltar. [INVENTAR]

05 · Hauptdarstellung

Christus am Kreuz

In der Mitte erhebt sich das Kreuz mit dem gekreuzigten Christus. Auf beiden Seiten erscheinen Personengruppen, die auf das Geschehen reagieren. Zu den Gestalten am Kreuz gehören Maria und Johannes sowie weitere Figuren, deren unterschiedliche Haltungen Trauer, Anteilnahme und das Geschehen der Passion veranschaulichen.

Das Kreuzigungsbild ist keine isolierte Szene. Gesten, Blicke und Bewegungen verbinden die umstehenden Gruppen mit dem Gekreuzigten. Der dichte Figurenbestand erinnert an die erzählerische Bildsprache spätmittelalterlicher Passionsdarstellungen, während die Rahmung bereits den Formen der Renaissance angehört.

06 · Mittelalterliche Bildtradition

Ecclesia und Synagoge am Kreuz

Ronig identifiziert in der Kreuzigungsszene auch die allegorischen Figuren Ecclesia und Synagoge. In der mittelalterlichen christlichen Kunst verkörperten diese Gestalten die Kirche und die jüdische Religion innerhalb einer christlich-theologischen Gegenüberstellung.

Solche Bildtypen entstanden aus einer historischen christlichen Deutung des Verhältnisses zum Judentum, die häufig eine Überordnung der Kirche behauptete. Sie sind aus ihrer Entstehungszeit heraus zu erklären und dürfen nicht als neutrale Beschreibung jüdischen Glaubens verstanden werden. Ihr Auftreten im Trierer Epitaph belegt das Fortleben mittelalterlicher Bildtraditionen in einem Kunstwerk der Renaissance.

07 · Obere Bildzone

Gottvater, Lamm Gottes und Hand Gottes

Im oberen Bereich erscheint Gottvater. Ronig beschreibt außerdem eine aus Wolken hervortretende Hand Gottes, die auf das Lamm Gottes verweist. Derartige Motive ergänzen die historische Kreuzigungsszene um eine symbolische Deutung des Opfertodes Christi.

Eine weitere Hand mit einem aufgerichteten Schlüssel deutet Ronig vorsichtig als möglicherweise verselbstständigtes Motiv des sogenannten Lebendigen Kreuzes. Innerhalb dieser mittelalterlichen Bildvorstellung konnte der Schlüssel auf das Öffnen des Himmels verweisen. Die Zuordnung bleibt eine kunsthistorische Hypothese und ist nicht abschließend gesichert.

08 · Prophetische Bezüge

Jesaja und David in den Randmedaillons

In den ornamentierten Seitenzonen erscheinen nach Ronig die Gestalten des Propheten Jesaja und des Königs David in runden Bildfeldern. Ihre Einbindung stellt eine Verbindung zwischen der Passionsdarstellung und alttestamentlichen Texttraditionen her.

Die Zuordnung dieser Figuren zeigt die gelehrte, vielschichtige Anlage des Epitaphs. Neben dem zentralen Geschehen treten kleinere Schrift- und Deutungsmotive, die erst bei genauer Betrachtung sichtbar werden.

09 · Passionsmotiv

Die Soldaten und das Gewand Christi

Am unteren Rand der Kreuzigungsdarstellung würfeln Soldaten um das Gewand Christi. Diese Episode ist im Johannesevangelium (Joh 19,23–24) überliefert. Ronig betont, wie deutlich die Szene in den Vordergrund gerückt ist.

Die Figurengruppe bildet einen markanten Kontrast zum Geschehen am Kreuz: Während dort Tod und Trauer dargestellt werden, beschäftigen sich die Soldaten mit der Verteilung der Kleidung. Die unterschiedliche Gewichtung beider Ebenen gehört zur erzählerischen Kraft des Reliefs.

10 · Totengedächtnis

Die beiden knienden Geistlichen

In den beiden unteren Ecken des Bildfeldes knien Werner und Georg von der Leyen. Beide erscheinen in geistlicher Kleidung. Durch ihre betende Haltung sind sie unmittelbar auf das Passionsgeschehen bezogen; die Stifter- und Memorialfiguren gehören damit zur religiösen Aussage des gesamten Werkes.

Die Inschrift unterhalb des Reliefs nennt beide Männer und ihre Beziehung zur Trierer Kirche. Das gemeinsame Denkmal bewahrt nicht allein zwei Namen, sondern stellt sie in einen über Generationen reichenden kirchlichen und familiären Gedächtniszusammenhang.

11 · Epigrafik

Die lateinische Gedenkinschrift

Die große Inschriftentafel unter dem Relief nennt Werner und Georg in lateinischer Form: WERNHERO ET GEORGIO. Für Werner erscheint die Jahreszahl MCCCCXXXV (1435), für Georg MDXXXIIII (1534). Die ausführliche ältere Abschrift nennt darüber hinaus ihre kirchlichen Ämter. [INVENTAR]

Das Denkmälerinventar weist darauf hin, dass ein Teil der Jahresangabe nachträglich über eine fehlerhafte ältere Bezeichnung gearbeitet wurde. Deshalb ist bei einer wortgetreuen Wiedergabe der gesamten Inschrift eine Unterscheidung zwischen heute lesbarem Steinbefund und historischer Editionsabschrift notwendig. [INVENTAR]

12 · Forschung

Künstler und Zuschreibungsfragen

Der Name des Bildhauers ist nicht durch eine hier belegte Signatur oder erhaltene Auftragsurkunde gesichert. Der Dehio führt eine Zuschreibung an den sogenannten „Hieronymus Bildhauer“ im Umfeld der Trierer Renaissancebildhauerei an. Ältere und neuere Forschungen vergleichen die stilistischen Merkmale mit anderen Trierer Grabdenkmälern. [DEHIO]

Für die Einordnung sind insbesondere der Übergang zwischen spätgotischen und renaissancezeitlichen Formen sowie die kleinteilige, dicht gestaffelte Figurenerzählung entscheidend. Eine stilistische Nähe allein beweist jedoch keine eigenhändige Arbeit eines bestimmten Meisters.

13 · Erhaltung

Steinoberfläche und Veränderungen

Das Denkmälerinventar beschreibt grauen, feinkörnigen Sandstein mit Glimmeranteilen und erwähnt Veränderungen an der Oberflächenfassung sowie ergänzte Teile einzelner Köpfe. Die Beschreibung erfasst einen historischen Zustand des Werks. [INVENTAR]

Ronig berichtet 1980, dass das Epitaph im Zusammenhang der damals behandelten Restaurierungsarbeiten nicht restauriert worden sei. Daraus lässt sich kein abschließender Befund über spätere Maßnahmen ableiten. Die gegenwärtig sichtbaren Farbtöne und Ausbesserungen sind deshalb ohne restauratorische Untersuchung nicht im Einzelnen zu datieren.

14 · Einordnung

Ein vielschichtiges Werk der Trierer Renaissance

Das Epitaph vereint mehrere Traditionen: den spätgotischen Bildaufbau, die Ornamentik der Renaissance, die umfangreiche Passionsikonografie und das persönliche Totengedächtnis zweier Domgeistlicher. Seine Besonderheit liegt gerade in dieser Verbindung verschiedener Formen.

Die Kreuzigung bildet das Zentrum, während alttestamentliche Verweise, allegorische Figuren und erzählende Details die Bedeutung vertiefen. Zugleich verankern die knienden Memorialfiguren und die Inschrift das religiöse Bild in der Geschichte der Familie von der Leyen und des Trierer Domkapitels.

15 · Weitere Dokumentationen

Weitere Kunstwerke im Trierer Dom

Das Epitaph gehört zur reichen Grabkunst des Trierer Dombezirks. Die folgenden bereits veröffentlichten Beiträge behandeln weitere Beispiele kirchlichen Totengedächtnisses.

16 · Nachweise

Quellen und Literatur

  1. Franz J. Ronig, „Die Ausstattung“, in: Der Trierer Dom, Jahrbuch 1978/79 des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Neuss 1980, S. 255 (Anm. 109 auf S. 346).
  2. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz: Der Dom zu Trier, Düsseldorf 1931, Beschreibung und Inschrift, wiedergegeben in der Datenbank der Kulturgüter in der Region Trier. Online-Nachweis
  3. Dehio DE, Trier: Dom St. Peter – Ausstattung/Kreuzgang. Online-Nachweis
  4. Germania Sacra, Personenregister: Werner von der Leyen. Online-Nachweis
  5. Germania Sacra, Personenregister: Georg von der Leyen. Online-Nachweis
  6. Wolfgang Schmid, „Stifter und Mäzene im Rheinland im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit“, Portal Rheinische Geschichte. Online-Nachweis

Bildnachweis: The Camino History · eigene Fotografie des Epitaphs Werner und Georg von der Leyen im Trierer Domkreuzgang.

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