Nordrhein-Westfalen · Köln

Grabdenkmäler
von St. Andreas

Albertus Magnus und vier weitere Grabdenkmäler aus dem 13. bis 18. Jahrhundert

Sarkophag des Albertus Magnus · Archiv DE-0075 · Foto: The Camino History
OrtSt. Andreas · Köln
Albertus Magnusgestorben 1280
Neue Gruft1950er-Jahre
Archivaufnahmen6 weitere

Grab- und Erinnerungskultur in der Dominikanerkirche St. Andreas

In der Kölner Dominikanerkirche St. Andreas begegnen sich unterschiedliche Epochen der Grab- und Erinnerungskultur. Die Grablege des heiligen Albertus Magnus verbindet sich mit steinernen Erinnerungszeichen für Geistliche des Andreasstifts und Angehörige des frühneuzeitlichen Adels.

Von der mittelalterlichen Heiligenverehrung über die Grabplatten gelehrter Kanoniker bis zu den barocken Wappen der Freifrau Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen reicht ein weiter Bogen. Die Denkmäler erzählen von Glauben, gesellschaftlichem Rang, Bildung und der Geschichte der Stadt Köln.

Zur Architektur und den weiteren Kunstwerken führt die große Kirchendokumentation.

Albertusgruft in St. AndreasFoto: The Camino History · eigene Aufnahme

Albertus Magnus – Gelehrter, Dominikaner und Heiliger

Albertus Magnus, gestorben am 15. November 1280 in Köln, war ein bedeutender Denker des Mittelalters. Seine Schriften und seine Lehrtätigkeit verbanden Theologie, Philosophie und die Beschäftigung mit der Natur. Er prägte das intellektuelle Leben des Dominikanerordens und ist besonders als Lehrer des Thomas von Aquin bekannt.

Die Heiligsprechung und Erhebung zum Kirchenlehrer im 20. Jahrhundert festigten seine überregionale Verehrung. Das Grab ist heute nicht nur ein persönlicher Gedenkort, sondern auch ein Zeichen des Wissenschafts- und Ordensgedächtnisses.

Das ursprüngliche Grab und der alte Dominikanerstandort

Albertus starb in Köln, als der Dominikanerorden seinen Sitz noch an der Stolkgasse hatte. Dort befand sich die mittelalterliche Dominikanerkirche Heilig Kreuz. Sie war nicht identisch mit der damaligen Stiftskirche St. Andreas.

Im Zuge der Klosteraufhebung wurden die Gebäude an der Stolkgasse aufgegeben, und die frühere Dominikanerkirche wurde 1804 abgerissen. Die alten Grabdenkmäler, darunter das ältere Albertusdenkmal, gingen verloren oder wurden zerstört.

Die heutige Verehrung in St. Andreas ist somit das Ergebnis einer bewegten Geschichte von Verlusten, Bewahrung und neuer Gestaltung.

Die Krypta des Mittelalters – aufgegeben im Jahr 1414

Schon die salische Kirche des 11. Jahrhunderts verfügte über eine Krypta unter dem Chor. Diese ältere Anlage wurde beim gotischen Chorneubau im Jahr 1414 zugeschüttet und zum Teil zerstört. Das ist wichtig für die Einordnung der heutigen Grabkapelle.

Die mittelalterliche Krypta kann nur aus Baubefunden, älteren Nachrichten und Grabungen erschlossen werden. Ihr heutiges Erscheinungsbild darf nicht mit einem ungebrochen erhaltenen romanischen Raum verwechselt werden.

Wiederentdeckung und Freilegung in den 1950er-Jahren

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die ehemalige Krypta im Rahmen des Wiederaufbaus untersucht und freigelegt. Unter dem Chor fand man eine ungefähr sieben Meter breite und zwanzig Meter lange, dreischiffig gegliederte Halle.

Die sechs Rundstützen des heutigen Raumes bestehen aus Beton und stehen dort, wo mittelalterliche Pfeiler nachweisbar waren. Sie sind also Teil einer bewussten Ergänzung, nicht vollständig erhaltene Stützen des 11. Jahrhunderts.

Die Umsetzung veranschaulicht, wie Denkmalpflege der Nachkriegszeit mit historischen Befunden arbeitete und die Räume neu nutzbar machte.

Karl Band und die Gestaltung der neuen Albertusgruft

Der Architekt Karl Band entwarf einen westlich an die freigelegte Hallenkrypta anschließenden Bereich für die Grabverehrung des Albertus Magnus. Dieser Teil ist eine Neuschöpfung des 20. Jahrhunderts.

Die tiefergelegte Grabzone ist durch ein niedriges Eisengitter räumlich gefasst. So entstand ein offener Zusammenhang zwischen dem östlichen Kryptenraum und der westlichen Grablege, der mittelalterliches Erbe und moderne Architektur miteinander verbindet.

Krypta und Albertusgruft – fotografische AnsichtFoto: The Camino History · eigene Aufnahme

Der römische Sarkophag mit den Gebeinen des Albertus Magnus

Im Zentrum der Albertusgruft steht ein antiker römischer Sarkophag aus Sandstein, in dem die Gebeine des heiligen Albertus Magnus seit 1954 ruhen. Der Sarkophag stammt ursprünglich aus der Kölner Kirche St. Ursula und wurde für den Gedenkort in St. Andreas aufgestellt.

Eine solche Wiederverwendung älterer Materialien wird in der Kunstgeschichte als Spoliengebrauch bezeichnet. Am Albertusgrab erschließt sie die ungewöhnliche Verbindung zwischen römischem Erbe, mittelalterlicher Heiligenverehrung und zeitgenössischer Raumgestaltung.

Der Sandsteinsarkophag selbst verweist auf die lange Geschichte Kölns: Ein antikes Gefäß dient heute als Grablege eines mittelalterlichen Gelehrten. In der zurückhaltend gestalteten Krypta steht damit die Erinnerung an Albertus Magnus im Mittelpunkt.

Römischer Sarkophag in der AlbertusgruftFoto: The Camino History · eigene Aufnahme
Sarkophag des Albertus Magnus – Archiv DE-0075Foto: The Camino History · eigene Aufnahme · Archiv DE-0075

Grab und Gebet: Bedeutung der Verehrungsstätte

Die Grablege ist ein Ort persönlichen und gemeinschaftlichen Gedenkens. Die Nähe zum Altar und zur Krypta verknüpft die Erinnerung an Albertus Magnus mit dem liturgischen Leben der Dominikanergemeinschaft.

Besucher können hier die Geschichte des Predigerordens und der mittelalterlichen Gelehrsamkeit mit der gegenwärtigen Nutzung der Kirche verbinden. Anders als ein rein museales Denkmal hat der Raum weiterhin einen religiösen Bezug.

Altarbereich der KryptaFoto: The Camino History · eigene Aufnahme

Grabdenkmäler zwischen Mittelalter und Barock

Die Grablege des Albertus Magnus, die Grabplatten der Kanoniker Johannes Vuchts, Tilman de Brempt und Johannes Sybertz sowie das Grabdenkmal der Freifrau Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen veranschaulichen die Vielfalt der Bestattungskultur in und um St. Andreas.

DE-0075Albertus Magnus († 1280) · Sarkophag
DE-0073Johannes Vuchts († 1571)
DE-0074Tilman de Brempt († 1594)
DE-0076Johannes Sybertz († 1670)
DE-0077 und DE-0078Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen († 1712)

Besonders die lateinischen Inschriften der Stiftsgeistlichen, die barocke deutsche Grabformel und die Familienwappen zeigen, wie sich Formen des Totengedenkens im Laufe der Jahrhunderte wandelten.

Johannes Vuchts († 1571) – Kanoniker und Theologe

Die dunkle Grabplatte des Johannes Vuchts, auch als Joes Vuchts bezeichnet, erinnert an einen Geistlichen des Andreasstifts. Die überlieferte Lesung nennt ihn als Kanoniker und als Lizentiaten der Heiligen Theologie (sacrae theologiae licentiatus). Damit gehörte er zu den akademisch ausgebildeten Stiftsherren des 16. Jahrhunderts.

Die umlaufende Inschrift enthält die Datumsformel „Anno D[omi]ni 1571 die 12 Augusti obiit …“ – „Im Jahre des Herrn 1571, am 12. August, verstarb …“. Die Gebetsformel requiescat in pace bittet um ewige Ruhe. Weitere Teile der Schrift sind auf der erhaltenen Aufnahme nur eingeschränkt zu entziffern.

Das geschmückte Wappen und die lateinische Schriftborte bilden einen repräsentativen Rahmen. Die Grabplatte vereint die Erinnerung an ein priesterliches Amt mit der Würde eines akademischen Grades.

Grabplatte des Johannes Vuchts († 1571)Foto: The Camino History · eigene Aufnahme · Archiv DE-0073

Tilman de Brempt († 1594) – Priester und Kanoniker

Die Grabplatte erinnert an Tilman de Brempt († 1594), einen Priester und Kanoniker des Kölner Andreasstifts. Ihre umlaufende Inschrift und die steinerne Gestaltung bewahren das Gedenken an einen Geistlichen des ausgehenden 16. Jahrhunderts.

Die umlaufende gotische Schrift ist ungewöhnlich anspruchsvoll zu lesen. In ihr überdauert eine ältere Schrifttradition, obwohl die Platte bereits aus dem späten 16. Jahrhundert stammt.

Das kelchartige Zeichen und die kräftige Gestaltung der Inschrift betonen die geistliche Stellung des Verstorbenen. Die Platte steht damit beispielhaft für die Memoria der Kanoniker im Andreasstift.

Grabplatte des Tilman de Brempt († 1594)Foto: The Camino History · eigene Aufnahme · Archiv DE-0074

Johannes Sybertz († 1670) – Professor, Priester und Stiftsherr

Die Grabinschrift erinnert an Johannes (Ioannes) Sybertz, einen aus Wanlo stammenden Geistlichen. Der Herkunftszusatz Wanlonensis bezeichnet den Herkunftsort, der heute zu Mönchengladbach gehört. Die Inschrift nennt ihn Doktor der Heiligen Theologie, öffentlichen Professor, Kanoniker der Kollegiatkirche und Priester. Er starb im Jahr 1670.

Der Grabstein bewahrt damit das Selbstverständnis eines Mannes, dessen Wirken sich zwischen Stift, geistlicher Seelsorge und universitärer Lehre bewegte. St. Andreas war vor der Übernahme durch die Dominikaner im 20. Jahrhundert eine Kollegiat- beziehungsweise Stiftskirche; die Angabe „Canonicus“ ist genau in diesem Zusammenhang zu verstehen.

Lateinische Grabinschrift

Admodum Reverendus
Eximius Dominus Ioannes
Sybertz Wanlonensis S S
Theologiae Doctor et
Professor Publicus Collegi-
atus Ecclesiae Canonicus
Presbyter pie in Domi-
no obdormivit Ao 1670
cuius anima Requiescat [in pace]

Deutsche Übersetzung

Der sehr ehrwürdige und herausragende Herr Johannes Sybertz aus Wanlo, Doktor der Heiligen Theologie und öffentlicher Professor, Kanoniker (Stiftsherr) dieser Kollegiatkirche und Priester, ist selig im Herrn entschlafen im Jahre 1670. Seine Seele ruhe in Frieden.

Im oberen Drittel der Platte befindet sich ein ovales Wappenmedaillon mit einem sparrenförmigen Zeichen, das von Ornamenten gerahmt wird. Ein geflügelter Engels- oder Puttenkopf bekrönt die Komposition. Heraldik und christliche Bildsprache verbinden sich zu einer repräsentativen Form des Totengedenkens.

Grabdenkmal des Johannes Sybertz († 1670)Foto: The Camino History · eigene Aufnahme · Archiv DE-0076

Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen († 1712)

Die reich gestaltete Grabplatte erinnert an die Freifrau Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen († 1712). Der Sterbevermerk nennt den 29. Juni 1712; die historische Titulatur „hochwohlgebohrene Frey Fraw“ verweist auf ihren freiherrlichen Stand.

Die nur teilweise entzifferbare Inschrift nennt außerdem Herrschaften, die als „Helligen“ und „rester…“ gelesen werden können. Die Orts- und Herrschaftsnamen Hellange und Roeser bieten hierfür einen möglichen historischen Bezug; eine abschließende Bestimmung des Wortlauts ist damit noch nicht gegeben.

Die spätere Lesung eines Geburtsnamens von Lüninck bleibt ungesichert. Der eindeutige Befund der Inschrift betrifft den Namen Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen, ihren Rang und das Sterbedatum.

Lesbarer Teil der deutschsprachigen Inschrift

Anno den 29. Iuny 1712 ist Gottselich im herrn entschlaffen die hochwohlgebohrene Frey Fraw Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen Fraw zv Helligen und rester gebohrene Freyin von […]

In modernem Deutsch besagt der zuverlässig erkennbare Kern: „Am 29. Juni 1712 ist die hochwohlgeborene Freifrau Anna Maria Francisca Kaldenbach von Gehlenhausen gottselig im Herrn entschlafen.“ Die barocke Sprache verbindet den sozialen Rang der Verstorbenen mit einem religiösen Bekenntnis.

Im oberen Teil stehen zwei Wappenschilde unter einer Rangkrone, umgeben von barockem Ranken- und Tuchornament. Ein Schild zeigt einen Balken und drei muschelartige Figuren. Ähnliche heraldische Merkmale sind für die Familie Caldenbach/Kaldenbach überliefert; die genaue Deutung der beiden Allianzwappen bleibt offen.

Grabplatte der Anna Maria Francisca – GesamtansichtFoto: The Camino History · eigene Aufnahme · Archiv DE-0077
Detail der beiden WappenschildeFoto: The Camino History · eigene Aufnahme · Archiv DE-0078

Schrift und Wappen als Zeugnisse ihrer Zeit

Grabinschriften und Wappen bewahren Spuren persönlicher Lebensgeschichte. Titel, Gebetsformeln und akademische Grade zeigen, wie die Verstorbenen innerhalb von Kirche und Gesellschaft wahrgenommen wurden. Die künstlerische Gestaltung verknüpft diese Angaben mit religiösen Symbolen.

Ein Wappen kann Familienzugehörigkeit und Heiratsverbindungen anzeigen, während die lateinische oder deutsche Inschrift den historischen Sprachgebrauch sichtbar macht. Gerade an beschädigten Steinen bleiben einzelne Lesungen offen; ihre Bedeutung erschließt sich aus dem Zusammenspiel von Schrift und Bild.

Verlagerte Kunstwerke und verlorene Grabdenkmäler

Die Geschichte der Dominikaner in Köln ist durch Ortswechsel geprägt. Nach der Säkularisation gelangten Ausstattungsstücke aus der alten Dominikanerkirche an andere Orte, etwa nach St. Andreas und in den Kölner Dom. Historische Grabdenkmäler wurden dagegen teilweise zerstört.

Die heutige Sammlung zeigt deshalb keine unveränderte Reihe mittelalterlicher Bestattungen. Jede Zuschreibung muss den ursprünglichen Entstehungs- und Aufstellungsort vom heutigen Standort trennen.

Grabmalkunst entlang der Pilgerwege

Die Albertusgruft gehört zum kunst- und ordensgeschichtlichen Erbe Kölns. Über die großen Jakobswegverbindungen lassen sich weitere Grabdenkmäler und historische Kirchen am Rhein, in der Eifel und auf dem Weg nach Aachen entdecken.

Die Historische Grabmalgalerie vernetzt solche Standorte, während die einzelne Kirchendokumentation den architektonischen und geschichtlichen Zusammenhang liefert.

Quellen und Bildnachweise

Die Geschichte der Krypta folgt den Angaben des Fördervereins Romanische Kirchen Köln; für die Geschichte der ehemaligen Dominikanerkirche wurde die Chronik des Kölner Konvents herangezogen. Die fotografischen Quellen stammen aus dem vorhandenen The-Camino-History-Bestand.

  1. Förderverein Romanische Kirchen Köln – St. Andreas: Überblick
  2. Förderverein Romanische Kirchen Köln – Krypta und Albertusgrab
  3. Dominikaner Köln – Geschichte
  4. Dominikaner Köln – Kirchenführung St. Andreas
  5. LVR – Portal Rheinische Geschichte: Kölner Inschriften des MittelaltersÜberlieferung der Grabinschriften des Andreasstifts und die historischen Abschriftensammlungen von Alfter und Büllingen.Portal Rheinische Geschichte
  6. Wappensammlung Dr. Loutsch – Caldenbach/KaldenbachÜberliefertes Familienwappen mit drei Muscheln sowie die Teilherrschaften in Hellange und Roeser.Historische Wappenbeschreibung
St. Andreas · Köln
Geschichte der Kirchen, Pilgerwege und sakralen Kunst Europas · © The Camino History

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