EUSKIRCHEN · ALTÄRE UND RETABEL · UM 1510
Antwerpener Schnitzaltar – St. Martin, Euskirchen
Ein Antwerpener Meisterwerk der Heiligen Sippe: vom spätmittelalterlichen Annenaltar bis zum heutigen Hochaltar – mit dem jungen Apostel Jakobus auf seinem Steckenpferd.
Ein Meisterwerk, das mehr als eine Geschichte erzählt
Der große Hochaltar im Chor der Euskirchener Pfarrkirche St. Martin ist auf den ersten Blick ein geschlossenes Kunstwerk: Goldglanz, eine Vielzahl kleiner Figuren und zwei bemalte Seitenflügel fügen sich zu einer reich geschmückten Schauwand. Doch diese Einheit ist historisch gewachsen. Im Kern steht ein in Antwerpen gefertigtes Retabel mit der Heiligen Sippe, das um 1510 für einen Annenaltar entstand. Was heute zu sehen ist, trägt ebenso die Spuren von Umbauten des frühen 19. Jahrhunderts und einer neugotischen Neufassung aus den Jahren 1862 bis 1864.
Die Bildwelt öffnet sich vom familiären Alltag hin zur Heilsgeschichte. Maria, Anna und die weitere Verwandtschaft Christi begegnen einander in einer dichten Gruppe. Kindergestalten, kleine Gegenstände und feine Gewandfalten verleihen der Szene eine bemerkenswerte Lebendigkeit. Wer sich Zeit für den Altar nimmt, entdeckt nicht nur ein Andachtsbild, sondern auch die Vorstellung einer spätmittelalterlichen Gesellschaft von Familie, Abstammung und Glauben.
Antwerpen und die Werkstatt des Adrian van Overbeck
Antwerpen war um 1500 eines der bedeutenden Zentren der spätgotischen Retabelproduktion. Hier arbeiteten Bildschnitzer, Fassmaler, Vergolder und Tafelmaler in arbeitsteiligen Werkstattzusammenhängen. Aufwendige Flügelaltäre konnten für Auftraggeber in weit entfernten Regionen hergestellt werden; Schiffe und Handelsstraßen verbanden Flandern mit dem Niederrhein und den Städten des Jülicher Landes.
Das Euskirchener Werk wird der Werkstatt Adrian van Overbecks zugeordnet. Die Pfarrgemeinde nennt als Zeitpunkt der Bestellung ungefähr 1510, während eine Beschreibung der Stadt den Hochaltar in die Zeit um 1530 setzt. Die Datierungsangaben betreffen nicht unbedingt denselben Zustand: Sicher ist jedenfalls, dass die heutige Gestalt nicht unverändert aus der Zeit der ursprünglichen Bestellung stammt. Eine aus dem Altarzusammenhang überlieferte bemalte Tafel im Germanischen Nationalmuseum wird als Werk Adrian van Overbecks um 1510 geführt.
Das Retabel gehört zur Gruppe jener exportorientierten Antwerpener Arbeiten, deren künstlerischer Reiz aus dem Zusammenspiel bewegter Figurengruppen, präziser Details und reich gestalteter Architektur erwächst. Zugleich zeigt seine Geschichte, dass Kunstwerke selbst nach ihrer Aufstellung in neue räumliche und liturgische Zusammenhänge gelangen konnten.
Ein Euskirchener Auftrag und die Verehrung der heiligen Anna
Der ursprüngliche Annenaltar wurde nach der Überlieferung der Pfarrgemeinde von einem wohlhabenden Euskirchener Bürger in Auftrag gegeben. Mit einer solchen Stiftung verband sich ein doppeltes Anliegen: Der neue Altar sollte der liturgischen Verehrung dienen und zugleich die Frömmigkeit und Leistungsfähigkeit der Stiftergemeinschaft sichtbar machen. Die Stadt hatte seit der Verleihung ihrer Stadtrechte 1302 eine Entwicklung durchlaufen, in der sich kaufmännische Verbindungen und städtisches Selbstbewusstsein immer stärker ausdrückten.
Anna, die Mutter Mariens nach außerbiblischer Überlieferung, gewann besonders im späten Mittelalter große Bedeutung. Ihre Verehrung verband das Heilsgeschehen mit der Vorstellung einer vertrauten, generationenübergreifenden Familie. Für einen Altar zu Ehren Annas lag es daher nahe, die Heilige Sippe zum Zentrum der Darstellung zu machen. Nicht nur einzelne Heilige, sondern die Beziehungen zwischen ihnen wurden zum eigentlichen Bildthema.
Die Heilige Sippe – ein spätmittelalterlicher Stammbaum
Das zentrale geschnitzte Bildfeld stellt die Verwandtschaft Jesu als anschauliche Menschengruppe dar. Seine Figuren folgen einer spätmittelalterlichen Genealogie, die aus apokryphen Erzählungen, Heiligenlegenden und Predigtüberlieferungen hervorging. Im Mittelpunkt stehen Maria und ihre Mutter Anna; hinzu treten die nach dieser Überlieferung mit ihnen verwandten Frauen und Kinder.
Die Annahme einer dreimaligen Ehe Annas – mit Joachim, Kleophas und Salomas – gehört zur sogenannten Trinubiumslegende. Sie ist keine Nachricht der kanonischen Evangelien, sondern ein historisch bedeutsames Zeugnis mittelalterlicher Frömmigkeit. Ihr zufolge werden mehrere neutestamentliche Gestalten innerhalb einer einzigen erweiterten Familie miteinander verbunden. Diese Genealogie erklärt, warum im Relief so viele Kinder und erwachsene Figuren nebeneinander erscheinen.
Die Kunst verwandelt die komplexe Überlieferung in eine lesbare Szene. Statt Figuren wie abstrakte Namen eines Stammbaums anzuordnen, zeigen die Schnitzer eine Familie mit Gesten und Blickbeziehungen. Hier liegt eine besondere Stärke des Antwerpener Retabels: Theologie wird zu beobachtbarem menschlichem Miteinander.
Jakobus der Ältere auf einem Steckenpferd
Ein winziges Detail verbindet den Hochaltar unmittelbar mit der Geschichte des Jakobspilgerns: Jakobus der Ältere erscheint in der Heiligen Sippe als Kind auf einem Steckenpferd. Die Darstellung wurde im Pfarrbrief „EINblick“ vom Juni 2024 ausdrücklich erläutert. Nach der dort beschriebenen Genealogie ist Jakobus zusammen mit Johannes Evangelista der Sohn von Maria Salome und Zebedäus. Als Kind wird er nicht mit den vertrauten Attributen des erwachsenen Apostels – Pilgerstab, Tasche oder Muschel – charakterisiert, sondern durch ein alltägliches Spielgerät.
Das Steckenpferd ist deshalb mehr als eine freundliche Nebenfigur. Es verweist auf den Wunsch der Bildhauer, heilige Gestalten in eine für die Betrachter nachvollziehbare Lebenswelt zu versetzen. Die Betrachter des frühen 16. Jahrhunderts sollten die Verwandtschaft Christi nicht allein als ferne, ehrwürdige Personengruppe wahrnehmen, sondern als Familie mit Kindern, Bewegung und Spiel.
Gerade für eine Pilgerdokumentation ist diese Darstellung ungewöhnlich. Jakobus begegnet hier in seiner legendarisch erschlossenen Kindheit, lange bevor der Weg nach Santiago de Compostela mit ihm verbunden wurde. Das Bild trennt damit deutlich die historische Gestalt des Apostels, die spätere Pilgertradition und die spätmittelalterliche Kunstsprache, die beide auf ihre eigene Weise erinnerbar macht.
Tempelgang Mariens und Wohltätigkeit
Die beiden flankierenden geschnitzten Felder erweitern das Hauptthema. Auf der einen Seite entfaltet sich die Erzählung von der Familie Annas und den Vorfahren Mariens, auf der anderen werden Joachim und Anna bei der Verteilung von Almosen gezeigt. Kleine zusätzliche Szenen verweisen auf Ereignisse der Familienlegende, etwa auf Hochzeiten oder auf die kultische Handlung im Tempel.
Diese Szenen sind keine zufälligen Dekorationen. Sie führen die Genealogie in eine Folge konkreter Handlungen weiter und rücken Ehe, Fürsorge und religiöse Pflicht in den Vordergrund. Die Vielfalt der Personen erinnert an die aufwendigen Bildprogramme spätmittelalterlicher Flügelaltäre, bei denen ein Betrachter sowohl das große Gesamtbild als auch die kleinen Erzählungen lesen konnte.
Joachim, Anna und die Marienhochzeit
Über dem zentralen Bildfeld erscheint das Tempelopfer Joachims. Unterhalb der Heiligen Sippe ist die Vermählung Mariens mit Josef dargestellt. Beide Szenen gehören in die erzählerische Vorgeschichte des Lebens Jesu und machen deutlich, wie weit der Blick des Retabels über einzelne biblische Episoden hinausgeht.
Die gestaffelte Anordnung verknüpft mehrere Generationen und Geschichten miteinander. Die Betrachter verfolgen gleichsam einen Bilderbogen: aus der Überlieferung über die Eltern Mariens, über die Familie der Mutter Gottes und ihre Hochzeit bis zum Kind Christus. Die Bildfelder wurden somit zur anschaulichen Auslegung von Herkunft und Heilsgeschichte.
Bemalte Flügel und ihre wechselnde Ansicht
Zum heutigen Altar gehören seitliche Tafelbilder. Sie ergänzen die geschnitzten Mittelszenen um Heiligenfiguren und biblische oder legendarische Themen. Die malerischen Flächen setzten andere Akzente als die plastisch ausgearbeiteten Reliefs: Farbe, Fläche und Blickrichtung übernehmen jene Funktion, die beim Schnitzwerk Körper und Tiefenstaffelung erfüllen.
Die Flügel wurden 1862 bis 1864 am Altar ergänzt. Bei der Restaurierung von 2005 änderte sich ihre Anordnung erneut: Die Seiten wurden vertauscht, damit die figürlichen Schauseiten während des Kirchenjahres sichtbar sind. In den Zeiten des Advents und der Fastenzeit können dagegen die geschlossen präsentierten Flügel mit ornamentalen christlichen Zeichen den Charakter des Altares verändern.
Die nachträglichen Veränderungen gehören heute zur Geschichte des Werkes. Sie bezeugen, dass ein Retabel im Kirchenraum nicht nur Kunstgegenstand, sondern Teil sich wandelnder liturgischer Praxis war.
1807: Als zwei Altäre zu einem wurden
Die entscheidende Zäsur fällt in die Zeit der französischen Herrschaft und der Säkularisation. 1807 wurde der ursprüngliche Annenaltar mit Teilen eines anderen Antwerpener Werkes, des ehemaligen Petrusaltars, zusammengeführt. Der ältere Bestand war damit nicht mehr in seiner ursprünglichen Form zu erleben. Bildfelder wechselten den Platz, andere Bestandteile wurden entfernt oder gelangten später in den Kunsthandel.
Der Petersaltar, der bereits um 1490 entstanden sein soll, besaß ein eigenes Programm. Von ihm blieben unter anderem drei geschnitzte Szenen erhalten, die seit 1996 wieder als eigenes Ensemble im nördlichen Seitenschiff ausgestellt werden. Die Geschichte erklärt, warum man die heute vereinten Elemente nicht ohne Weiteres einer einzigen Werkstattkampagne oder einem einzigen ursprünglichen Altar zuordnen darf.
Die Umbauten zeigen auch, wie Kunstwerke um 1800 neu bewertet wurden. Was für frühere Generationen Teil einer lebendigen Altarlandschaft mit mehreren Stiftungen war, erschien einer späteren Gemeinde plötzlich überholt oder entbehrlich. Gerade in dieser Phase gingen Bestandteile verloren, die sich heute nur durch historische Berichte und erhaltene Einzelstücke wieder erschließen lassen.
1862–1864: Friedrich Mengelberg und die neugotische Neufassung
Im 19. Jahrhundert wandte sich die Aufmerksamkeit erneut der mittelalterlichen Kunst zu. Unter der Leitung des Kölner Diözesanbaumeisters Vincenz Statz und durch Arbeiten des Kölner Künstlers Friedrich Mengelberg erhielt das aus alten Teilen zusammengesetzte Retabel 1862 bis 1864 eine weitreichende Neuordnung.
Mengelbergs Eingriffe sind aus heutiger Sicht selbst ein eigenes kunsthistorisches Kapitel. Sie wollten den Altar in einer Zeit erneuerter Wertschätzung gotischer Formen wieder als stimmiges Ganzes erscheinen lassen. Die heutigen Predellenteile, die Einbindung von Figuren und die flankierenden Flügel tragen Spuren dieser Gestaltung. Ein äußerlich spätgotisch wirkender Altar kann also durchaus ein Ensemble aus mehreren Jahrhunderten sein.
Verlorene Tafeln, erhaltene Fragmente und Forschung
Die Geschichte des Annenaltars ist zugleich eine Geschichte auseinandergeratener Bilder. Historische Forschungen, besonders die von Christoph Schaden, konnten Teile des ursprünglichen Programms rekonstruieren. Für den Annenaltar werden zwölf ursprünglich zugehörige Bildtafeln genannt, von denen einzelne verschollen oder an andere Orte gelangt sind.
Ein anschauliches Beispiel ist die Tafel „Maria Cleophas mit ihren Söhnen und einer Dienerin“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Das Museum führt sie als um 1510 in Antwerpen geschaffenes Werk Adrian van Overbecks und weist auf ihre ursprüngliche Verbindung mit dem Euskirchener Altar hin. Damit setzt sich die Bildwelt des alten Retabels heute in unterschiedlichen Sammlungen fort.
Der Fall macht deutlich, was die Inventarisierung sakraler Kunst leisten kann. Sie dokumentiert nicht nur den sichtbaren Bestand einer Kirche, sondern verknüpft verstreute Teile zu einer Geschichte. Das, was im Chor von St. Martin zu sehen ist, bildet einen bedeutenden, doch nicht mehr vollständigen Teil des ursprünglichen Altars.
Restaurierung 2005 und heutiger Zustand
Die Restaurierungsarbeiten von 2005 führten zu einer erneuten Beschäftigung mit den bemalten Flügeln und ihrer Anordnung. Im Zuge dieser Arbeiten wurden übermalte Partien und frühere Bildzustände sichtbar. Eine auffällige Einzelheit, die in einer Beschreibung der Stadt Euskirchen genannt wird, ist die ungewöhnliche Darstellung von zwei rechten Händen bei einer Anna-Figur – eine Spur der komplizierten Malerei- und Überarbeitungsgeschichte.
Der Altar lässt sich deshalb weder auf das Jahr seiner Stiftung noch auf seine neugotische Umgestaltung reduzieren. Seine heutige Erscheinung ist das Ergebnis aus mittelalterlicher Schnitzkunst, der Zusammenstellung von 1807, der Restaurierung des 19. Jahrhunderts und jüngeren konservatorischen Entscheidungen.
Fotografische Ansichten des Hochaltars
Die eigenen Aufnahmen dokumentieren das Retabel aus verschiedenen Entfernungen. Die nähere Ansicht macht die geschnitzte Hauptgruppe und die bemalten Seitenflügel sichtbar; der weitere Blick zeigt seine Stellung im Chor zwischen den hoch aufragenden Fenstern. Beide Sichtweisen sind wichtig: Das Werk ist zugleich ein bewegtes Bildprogramm und Teil einer architektonischen Rauminszenierung.
Zwischen niederländischer Schnitzkunst und rheinischer Geschichte
Die Bedeutung des Altarwerks liegt nicht nur in der kunstvollen Ausführung. Es zeigt die Verbindung von Antwerpener Werkstattkultur und einer rheinischen Stadt, deren wirtschaftliche Möglichkeiten die Bestellung eines anspruchsvollen Retabels erlaubten. Zugleich erzählt die Geschichte seiner späteren Veränderungen davon, wie jede Epoche andere Erwartungen an einen Kirchenraum richtete.
Die Figur des spielenden Jakobus verbindet sich im Zentrum des Altares mit einem großen historischen Bogen: von der mittelalterlichen Verehrung der Heiligen Sippe über die europäische Kunstproduktion um 1500 bis zur heutigen Beschäftigung mit dem Apostel und den Jakobswegen. Gerade die kleinen Figuren bewahren manchmal Erinnerungen, die hinter der Monumentalität eines Altars leicht übersehen werden.
Weiterführende Dokumentationen
Die Baugeschichte von St. Martin und weitere Ausstattungsstücke sind in der bestehenden Kirchendokumentation beschrieben. Die Historische Altargalerie sammelt zusätzliche fotografische Ansichten von Retabeln und Altären aus anderen Kirchen.
Quellen und Literatur
- Katholisch Euskirchen: St. Martin. Zur Geschichte des Antwerpener Annenaltars, Werkstattzuweisung, Entstehung um 1510 sowie Umbauten im 19. Jahrhundert. Zur Quelle
- Stadt Euskirchen: St. Martin. Ausführliche Beschreibung der Schnitz- und Flügelbilder, der Veränderung von 1807, der Restaurierung 1862–1864 und 2005. Zur Quelle
- Katholisch Euskirchen: EINblick, Juni 2024, S. 7–8. Beitrag „Jakobus in St. Martin, Euskirchen“, einschließlich der Identifizierung des Kindes auf dem Steckenpferd. Zur Quelle
- Germanisches Nationalmuseum: Objekt Gm71. „Maria Cleophas mit ihren Söhnen und einer Dienerin“, um 1510, Adrian van Overbeck; ehemalige Tafel des Euskirchener Retabels. Zur Quelle
- The Camino History. Eigene fotografische Dokumentation der Kirche St. Martin in Euskirchen vom 14. Oktober 2024.
