Die Domkanzel im Trierer Dom gehört zu den bedeutendsten Werken der Renaissanceplastik in Trier. Hans Ruprecht Hoffmann schuf die reich ausgestattete Kanzel zwischen 1570 und 1572 im Auftrag des Trierer Domkapitels. Ihr umfangreiches Bildprogramm verbindet die Evangelisten, die Werke der Barmherzigkeit, die Bergpredigt und das Jüngste Gericht zu einer eindrucksvollen theologischen Gesamtkonzeption.
Entstehung der Domkanzel
Hans Ruprecht Hoffmann schuf die Kanzel in den Jahren 1570 bis 1572. Auftraggeber war das Trierer Domkapitel, dessen Wappen gemeinsam mit den Wappen verschiedener Kanoniker am Portal der Kanzel erscheinen.
Die Errichtung fällt in eine Phase, in der die Predigt im Trierer Dom eine neue Bedeutung erhielt. In Trier hatten sich die Jesuiten niedergelassen, denen auch Dompredigten übertragen wurden. Die aufwendige neue Kanzel kann daher im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung der Predigt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gesehen werden.
Ob sich zuvor bereits eine Kanzel an dieser Stelle befand, ist nicht überliefert. Eine ältere gotische Steinkanzel wäre jedoch durchaus denkbar, da entsprechende Anlagen auch andernorts im ehemaligen Trierer Erzbistum verbreitet waren.
Hoffmann passte sein Werk genau an den kreuzförmigen Pfeiler des Doms an. Besonders die Treppenanlage ist geschickt in die vorhandene Architektur eingefügt.
Portal und architektonischer Aufbau
Das Portal zur Kanzeltreppe ist besonders reich mit Skulpturen, Reliefs, Wappen und Ornamenten geschmückt.
Die beiden Portalpfeiler werden durch Inschriften als Petrus und Paulus gekennzeichnet. Damit erscheinen die beiden Apostel symbolisch als tragende Säulen der Kirche.
Darüber befinden sich weitere Darstellungen aus der Heilsgeschichte. Kleine Reliefs zeigen unter anderem die Verkündigung an Maria und die Geburt Christi. Im oberen Abschluss des Portals erscheinen Auferstehung und Himmelfahrt Christi.
Auch die Wappen des Domkapitels und verschiedener Kanoniker wurden prominent in die Gestaltung einbezogen. Im oberen Bereich dürfte sich ursprünglich zudem eine Darstellung beziehungsweise ein Porträt des damaligen Trierer Erzbischofs Jakob von Eltz befunden haben.
Der Kanzelfuß: Evangelisten und die Fünf Sinne
Der Unterbau der Kanzel besitzt ein eigenes komplexes Figurenprogramm.
Auf einer quadratischen Basis sitzen an den vorspringenden Ecken die vier Evangelisten. Über ihnen erhebt sich ein achteckiger Pfeiler.
Dieser wird von allegorischen Figuren begleitet, die die Fünf Sinne verkörpern.
Die Darstellung lässt sich unmittelbar auf die Funktion der Kanzel beziehen. Das Evangelium bildet die Grundlage der Predigt, während die Sinne auf das Wahrnehmen und Verstehen der verkündeten Botschaft hinweisen können. Zugleich zielt die Predigt nach zeitgenössischem Verständnis nicht allein auf das äußerliche Hören, sondern auf die inneren Sinne und damit auf das Herz des Menschen.
Die Werke der Barmherzigkeit am Kanzelkorb
Den inhaltlichen Mittelpunkt der Kanzel bilden die Darstellungen der Werke der Barmherzigkeit.
Sechs große Reliefs finden am Kanzelkorb Platz. Das siebte Werk, die Bestattung der Toten, wurde aufgrund des begrenzten Raumes als kleineres Relief am Sockel des Kanzelfußes untergebracht.
Zu den traditionellen sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit gehören:
- Hungrige speisen
- Durstige tränken
- Fremde beherbergen
- Nackte bekleiden
- Kranke besuchen
- Gefangene besuchen
- Tote begraben
Damit wird die christliche Botschaft der Nächstenliebe unmittelbar zum Thema der Kanzel.
Die Reliefs wurden durch Inschriften erläutert. Während ein großer Teil dieser Texte lateinisch ausgeführt wurde, befindet sich am Fuß der Kanzel auch eine deutschsprachige Inschrift.
Die Bergpredigt
Auf einer der Treppenwangen befindet sich ein großformatiges Relief der Bergpredigt.
Christus erscheint im Mittelpunkt seiner Zuhörer und verkündet seine Lehre. Gerade an einer Kanzel besitzt dieses Thema eine besondere Bedeutung: Die biblische Predigt Christi wird unmittelbar mit der Predigt verbunden, die von der Kanzel im Dom gehalten wurde.
Die Bergpredigt enthält wesentliche Aussagen über christliches Handeln, Nächstenliebe und Barmherzigkeit und bildet damit zugleich eine inhaltliche Verbindung zu den Darstellungen am Kanzelkorb.
Das Jüngste Gericht
Auf der gegenüberliegenden Treppenwange erscheint das Jüngste Gericht.
Hans Ruprecht Hoffmann nutzte dabei geschickt die ungewöhnliche Form der Treppenfläche. Die nach unten abfallende Ecke des Reliefs wurde in die Darstellung einbezogen und bildet den Bereich der Verdammten und der Hölle.
Während die Bergpredigt die Lehre Christi vor Augen führt, zeigt das Jüngste Gericht die Konsequenz menschlichen Handelns.
Damit stehen beide Reliefs in einem unmittelbaren Zusammenhang: Auf die Verkündigung des christlichen Liebesgebotes folgt die Verantwortung des Menschen für dessen Erfüllung.
Bemerkenswert ist zudem die Darstellung des Gerichts als trinitarisches Geschehen. Neben Christus erscheint die Taube des Heiligen Geistes; Gottvater wird symbolisch angedeutet.
Ein umfangreiches theologisches Bildprogramm
Das Bildprogramm der Domkanzel ist nicht als bloßer Schmuck zu verstehen.
Die vier Evangelisten verweisen auf die Grundlage der christlichen Verkündigung. Petrus und Paulus erscheinen als Säulen der Kirche. Die Fünf Sinne stehen in Verbindung mit Wahrnehmung und innerem Verständnis.
Die Werke der Barmherzigkeit erinnern den Betrachter an die praktische Umsetzung christlicher Nächstenliebe.
Die Bergpredigt fasst zentrale Inhalte der Lehre Christi zusammen, während das Jüngste Gericht die Verantwortung des Menschen für sein Handeln vor Augen führt.
Hinzu kommen Szenen aus dem Leben Christi: Verkündigung und Geburt stehen am Beginn, Auferstehung und Himmelfahrt am glorreichen Abschluss.
So entfaltet sich an der Kanzel ein geschlossenes Programm aus Verkündigung, Glauben, Nächstenliebe und Erlösung.
Verlorene Figuren und ursprüngliche Ausstattung
Nicht alle Bestandteile der Renaissancekanzel haben sich erhalten.
Oberhalb einer reich ornamentierten Platte befanden sich ursprünglich mehrere Konsolen. Auf ihnen sollen kleine Figuren der acht Seligpreisungen gestanden haben. Diese Statuetten gingen später verloren.
Auch der heutige Schalldeckel entspricht nicht vollständig der ursprünglichen Ausführung. Ein älterer, vermutlich einfacher quadratischer Schalldeckel ist noch auf historischen Darstellungen des Doms zu erkennen. Im Klassizismus wurde er durch die heute vorhandene Konstruktion ersetzt.
Im 18. Jahrhundert besaß die Kanzel außerdem ein Gitter. Dieses verschwand vermutlich während der französischen Besetzung Triers ab 1792.
Die ursprüngliche Farbigkeit der Kanzel
Das heutige Erscheinungsbild des hellen Steins vermittelt nur noch bedingt einen Eindruck von der ursprünglichen Wirkung.
Historische Befunde zeigen, dass die Kanzel einst zumindest teilweise farbig gefasst und vergoldet war. Noch bei früheren Restaurierungen konnten Reste von Goldornamenten auf einem vermutlich rotbraunen Untergrund festgestellt werden.
Heute sind davon nur noch geringe Spuren erhalten.
Die Renaissancekanzel muss daher ursprünglich wesentlich farbiger und kontrastreicher gewirkt haben als heute.
Abbau und Restaurierung im 20. Jahrhundert
Im Jahr 1966 wurde die Kanzel abgebaut. Grund dafür waren statische Arbeiten an den Pfeilern des Trierer Doms, die einen Verbleib an ihrem Standort zunächst unmöglich machten.
Die Entfernung der Kanzel führte damals sogar zu einer öffentlichen Diskussion.
Für ihre Wiederaufstellung wurden verschiedene Möglichkeiten geprüft. Unter anderem war eine Aufstellung am nordwestlichen Vierungspfeiler im Gespräch.
Schließlich entschied man sich jedoch dafür, die Kanzel wieder an ihrem historischen Standort aufzustellen.
Bei der Restaurierung wurden unter anderem Salze entfernt, die durch Bodenfeuchtigkeit in den Stein eingedrungen waren. Fehlende Details ergänzte man teilweise mit Kunststein.
Seit 1974 schützt zusätzlich eine schlichte Eisenstange die Kanzelanlage.
Die Kanzel als Predigt aus Stein
Die Trierer Domkanzel gehört nicht allein wegen ihrer künstlerischen Qualität zu den bedeutenden Ausstattungsstücken des Doms.
Hans Ruprecht Hoffmann verband Architektur, Skulptur, Relief und Inschrift zu einem außergewöhnlich dichten theologischen Gesamtkonzept.
Vom Evangelium über die Lehre Christi und die Werke der Barmherzigkeit bis zum Jüngsten Gericht erzählt die Kanzel davon, dass christliche Verkündigung nicht beim gesprochenen Wort endet.
Die Botschaft soll gehört, verstanden – und schließlich im eigenen Handeln umgesetzt werden.
Die Domkanzel wird damit selbst zu einer Predigt aus Stein.
Quellenangaben
- Grundlage für die kunsthistorischen Angaben dieser Dokumentation ist die Fachliteratur zur Ausstattung des Trierer Doms und zum Werk Hans Ruprecht Hoffmanns.
