The Camino History · Sakralbau & Pilgergeschichte

St. Pantaleon
Brühl-Badorf

Der „Dom des Vorgebirges“ – eine neugotische Hallenkirche von Heinrich Krings mit historischen Altären, Evangelistenkanzel und Erinnerung an die Pilgerwege des Rheinlands.

Pfarrkirche St. Pantaleon in Brühl-Badorf · © The Camino History
Erste Erwähnung1124
Heutiger Bau1895–1897
BaumeisterHeinrich Krings
PilgerregionVia Coloniensis

Der Dom des Vorgebirges

Hoch über den Häusern des Brühler Ortsteils Badorf steht eine Kirche, die schon aus der Ferne Aufmerksamkeit auf sich zieht. St. Pantaleon wird wegen ihrer Größe und der markanten Lage als „Dom des Vorgebirges“ bezeichnet. Sie ist keine mittelalterliche Kathedrale, sondern eine bewusst neugotisch gestaltete Pfarrkirche des späten 19. Jahrhunderts. Gerade die Verbindung von Baukunst und historischer Ausstattung macht sie bemerkenswert.

Die im Jahr 1897 vollendete Hallenkirche entstand nach Plänen des Kölner Architekten Heinrich Krings. Ihr heller Innenraum öffnet sich zwischen schlanken Rundpfeilern; darüber spannen sich Netz- und Sterngewölbe. Der Hochaltar, die Seitenaltäre und die figurenreiche Kanzel bilden ein Gesamtensemble, in das auch ältere Kunstwerke aus der Annakapelle einbezogen wurden.

Diese Dokumentation führt durch die Ortsgeschichte, die Architektur und die erhaltene Ausstattung – mit Fotografien aus der eigenen Sammlung und dem Bezug zur Via Coloniensis, einem Jakobsweg zwischen Köln und Trier.

St. Pantaleon im Überblick

KircheSt. Pantaleon · Brühl-Badorf
Beiname„Dom des Vorgebirges“
Bauzeit1895–1897
EntwurfHeinrich Krings (1857–1925)
BautypNeugotische Backstein-Hallenkirche
TurmRund 52 Meter
PatronHeiliger Pantaleon
AdresseBadorfer Straße · 50321 Brühl
PilgerwegVia Coloniensis · Raum Brühl
FotografieThe Camino History

Badorf – Landschaft und Siedlung am Vorgebirge

Badorf liegt im südlichen Stadtgebiet von Brühl am Hang des Vorgebirges. Die erhöhte Lage gibt dem Kirchenbau seine besondere Wirkung. Anders als eine Kirche, die erst in einer Straßenschlucht sichtbar wird, erscheint St. Pantaleon als Orientierungspunkt über dem Ort.

Die Geschichte der Besiedlung reicht weit vor den heutigen Kirchbau zurück. Archäologische Spuren zeigen eine alte Kulturlandschaft. Die seit dem frühen Mittelalter verbreitete Keramikproduktion verlieh Badorf über die Region hinaus einen Namen. Die Kirche ist damit Teil eines Ortes, dessen wirtschaftliche und religiöse Geschichte über viele Jahrhunderte gewachsen ist.

965 – Verbindung zur Kölner Abtei

Eine frühe Verbindung zwischen Badorf und dem Kölner Pantaleonskloster führt in das 10. Jahrhundert. Die kunsthistorische Untersuchung über Heinrich Krings berichtet, dass der 965 verstorbene Kölner Erzbischof Bruno den Hof Bavingan – mit Badorf identifiziert – in seinem Testament der Abtei St. Pantaleon übertrug. Badorf gehörte später zu den für die Versorgung des Klosters vorgesehenen Tafelhöfen.

Der Bezug zur Kölner Abtei erklärt, weshalb ein orientalischer Märtyrer namens Pantaleon zum Schutzpatron einer Kirche im Vorgebirge werden konnte. Der Name bewahrt hier eine Erinnerung an frühe geistliche Besitz- und Herrschaftsverhältnisse.

Die erste urkundliche Erwähnung 1124

Die schriftlich belegte Ortsgeschichte wird in einer Urkunde von 1124 besonders deutlich. Erzbischof Friedrich I. von Schwarzenburg bestätigte der Kölner Abtei St. Pantaleon Waldbesitz in der Umgebung. Der Landschaftsverband Rheinland verweist auf dieses Dokument als die früheste Erwähnung Badorfs.

Wichtig ist die Unterscheidung: Die Quellen zur mittelalterlichen Orts- und Patronatsgeschichte datieren nicht das heutige Kirchengebäude. Die große neugotische Kirche entstand erst fast acht Jahrhunderte später.

Der heilige Pantaleon – Arzt und Märtyrer

Pantaleon gehört zu den verehrten frühchristlichen Märtyrern. In der kirchlichen Überlieferung gilt er als Arzt, der seinen Beruf mit Barmherzigkeit und christlichem Glauben verband. Er wird in der katholischen Tradition zu den Vierzehn Nothelfern gerechnet und insbesondere als Fürsprecher in Krankheit angerufen.

Die Legende und die historisch nachprüfbare Lebensgeschichte müssen dabei getrennt betrachtet werden: Die Heiligenvita enthält traditionelle Erzählmotive, die nicht als gesicherter Lebenslauf gelesen werden können. Für St. Pantaleon in Badorf ist vor allem die lang anhaltende Verehrung entscheidend, die sich bis in die Gestaltung des Hochaltars und der Fenster fortsetzt.

Vor der neugotischen Kirche

Die heutige Pfarrkirche trat an die Stelle eines älteren Kirchenbaus. KuLaDig nennt ausdrücklich einen Vorgängerbau, ohne dass dessen gesamte Baugeschichte in der kurzen Objektbeschreibung ausgeführt wird. Auch eine nahegelegene Annakapelle gehörte zum älteren religiösen Umfeld Badorfs. Aus ihr stammen bedeutende Kunstwerke, die in den neuen Kirchenraum übernommen wurden.

Besonders anschaulich wird dieser Übergang bei den Seitenaltären: Ihre neugotischen Architekturen gehören dem 19. Jahrhundert an, doch sie bewahren deutlich ältere Bildwerke. St. Pantaleon ist so eine Kirche des Historismus mit materiellen Erinnerungen an frühere Jahrhunderte.

Heinrich Krings und der Kirchenbau im Rheinland

Heinrich Krings (1857–1925) arbeitete als Architekt in einer Epoche, in der historische Bauformen eine neue Aktualität erhielten. Der Historismus griff gotische, romanische und andere ältere Stile auf und entwickelte daraus eigene Bauten. Krings entwarf neben Kirchen auch weitere kirchliche und profane Gebäude im Rheinland.

Die Kunsthistorikerin Sabine Heuser-Hauck hat Krings’ Werk in einer 2005 veröffentlichten Dissertation untersucht. Sie zählt St. Pantaleon zu seinen besonders wichtigen Hallenkirchen und beschreibt den Bau detailliert. Seine Kirche in Badorf ist kein beliebiges Wiederholen gotischer Einzelheiten: Ihre konsequent durchgebildete Raumform und die dazu passenden Ausstattungsteile machen sie zu einem repräsentativen Werk ihres Architekten.

1895 bis 1897 – der Neubau entsteht

Der Bau der heutigen Kirche wird übereinstimmend auf die Jahre 1895 bis 1897 datiert. Das Vorhaben verband den Anspruch einer großen Pfarrkirche mit der damals geschätzten Formensprache der Spätgotik. Schon der Name „Dom des Vorgebirges“ verweist auf die für einen Ortsteil auffällige Größe.

Der Blick auf das Gebäude zeigt die sorgfältige Planung: ein hoher Westturm, ein vierjochiges Langhaus mit drei Schiffen, niedrigere Querhausarme und ein langgestreckter Chor. Auch die wichtigsten Einrichtungsstücke wurden in enger stilistischer Verbindung zum Bau entworfen. Der Hochaltar wurde 1898 ausgeführt und gehört damit zu den unmittelbar anschließenden Ausstattungsarbeiten.

Die Außenarchitektur aus Backstein

Der Außenbau besteht vorwiegend aus Backstein, gegliedert durch helle Werksteinformen. Strebepfeiler, Spitzbogenfenster und horizontale Gesimse ordnen die hohen Mauern. Der spitze Westturm steht weithin sichtbar vor dem Langhaus. Zugleich wirkt der Bau nicht überladen: Die vertikale Gliederung bestimmt den Gesamteindruck stärker als eine Überfülle von Skulpturenschmuck.

Von der Seite betrachtet lassen sich die unterschiedlichen Bauteile gut unterscheiden. Die Strebepfeiler zeigen, wie die Wände rhythmisch in Felder eingeteilt sind; an den Eckpunkten und am Turm lenken die steinernen Verzierungen den Blick nach oben.

St. Pantaleon auf der AnhöheBlick auf Backsteinbau, Strebepfeiler und den weit sichtbaren Westturm.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Der 52 Meter hohe Westturm

Mit einer Höhe von etwa 52 Metern dominiert der Westturm die Ortsansicht. Schallöffnungen im oberen Bereich, die scharf gezeichnete Dachspitze und seine Werksteindetails setzen starke Akzente. Der Turm steht nicht nur für die bauliche Präsenz der Kirche, sondern auch für ihre Rolle als sichtbarer Mittelpunkt des Ortes.

Die Bauuntersuchung Heuser-Haucks verweist auf einen kleineren Treppenturm an der Südseite und beschreibt den Westturm als wichtiges Element der architektonischen Gesamtkomposition. Historische Formen werden dabei nicht kopiert, sondern neu zusammengesetzt.

Westturm und EingangDer spitze Turmhelm über dem Backsteinbau prägt die Silhouette.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Westportal, Fensterrose und gotische Formen

Zum neugotischen Vokabular gehören die Spitzbögen, die fialenartigen Aufsätze und das sorgfältig gezeichnete Maßwerk. Besonders markant sind die Formen über dem Eingangsbereich: Das Fenster und sein steinerner Schmuck stehen im Dialog mit dem Turm. Die große Fensterrose auf der Westseite ist im Inneren oberhalb der Orgel sichtbar.

Während die gotischen Baumeister des Mittelalters die Formen konstruktiv und symbolisch entwickelten, deutete der Kirchenbau des 19. Jahrhunderts sie als Sprache einer idealisierten christlichen Vergangenheit. In Badorf ist diese Haltung bis in die Ausstattung nachvollziehbar.

Der Grundriss – drei Schiffe, vier Joche

St. Pantaleon ist eine dreischiffige Hallenkirche. Ihr Langhaus umfasst nach der kunsthistorischen Bauuntersuchung vier Joche. Die Seitenschiffe sind schmaler als das Mittelschiff, bleiben jedoch Teil eines übergreifenden Raumes. Die niedriger angelegten Querhausarme schließen mehrfach gebrochen ab; der längere Chor endet in einem 7/12-Schluss.

Diese räumliche Disposition erklärt die Wirkung des Kircheninneren: Das Hauptschiff erscheint groß und offen, ohne dass die Seitenbereiche wie isolierte Nebenräume wirken. Der Chor bildet den liturgischen Mittelpunkt.

Ein weiter und heller Kirchenraum

Wer St. Pantaleon betritt, begegnet einem ungewöhnlich großzügigen und ruhigen Innenraum. Die hellen Wandflächen stehen im Kontrast zu den rötlichen Pfeilern und Gewölberippen. Große Fenster bringen Licht in die Seitenschiffe. Das Auge wandert entlang der Pfeilerachsen bis zum Hochaltar und den farbigen Fenstern im Chor.

Die Architektur ist als Gesamtraum entworfen: Wände, Pfeiler und Gewölbe bilden eine kontinuierliche Ordnung. Das erklärt, weshalb die Kirche trotz ihrer reich gestalteten Altäre und der Kanzel nicht gedrängt wirkt.

Lichtdurchflutetes KirchenschiffDie hohen Rundpfeiler und Gewölberippen leiten den Blick zum Chor.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Rundpfeiler und Raumrhythmus

Eine Besonderheit sind die zehn schlanken Rundpfeiler, die Heuser-Hauck in ihrer Analyse hervorhebt. An ihnen setzen die Gewölbe vergleichsweise hoch an. Die Pfeiler teilen den Raum, ohne seine Einheit zu zerstören. Ihre farbliche Fassung verstärkt die Form: Die rötlichen Schäfte bilden ein sichtbares Gerüst zwischen dem hellen Boden- und Wandbereich und dem Gewölbe.

Gerade an dieser Stelle zeigt sich die Stärke der Neugotik als Raumkunst. Sie möchte nicht nur einen stilistischen Eindruck hinterlassen, sondern das Gehen und Sehen im Kirchenraum lenken.

Kreuzrippen-, Netz- und Sterngewölbe

Die Gewölbe sind kunstvoll aufeinander abgestimmt. In den Seitenschiffen erscheinen Kreuzrippengewölbe, im Mittelschiff dominiert ein Netzgewölbe. Über der Vierung entwickelt sich das Rippenwerk zu einem besonders eindrucksvollen Sterngewölbe. Diese Formen greifen spätgotische Vorbilder auf.

Was bei flüchtiger Betrachtung wie eine einheitliche Decke erscheint, erweist sich als differenziertes System. Die Rippen fassen die Gewölbefelder zusammen und betonen die Bewegung vom Langhaus zum Chor.

Der Chor als Mittelpunkt

Der langgestreckte Chor ist auf den Altar hin angelegt. Hinter dem Altar steigen farbige Glasfenster bis unter das Gewölbe empor. Die Verbindung von Architektur, liturgischer Ausrichtung und Bildkunst macht diesen Bereich zum optischen Zentrum.

Heuser-Hauck beschreibt den Chorabschluss als siebeneckig gegliederten 7/12-Schluss. Der ungewöhnliche geometrische Aufbau unterscheidet St. Pantaleon von vielen neugotischen Kirchen mit dem geläufigeren 5/8-Chorabschluss.

Chorfenster und AltarraumDie Fenster erzählen in farbigem Glas von der christlichen Bildtradition.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Der neugotische Hochaltar von 1898

Der Hochaltar gehört zum künstlerischen Kern der Ausstattung. Die Dissertation von Sabine Heuser-Hauck nennt ein konkretes Ausführungsjahr und eine Firma: 1898 wurde der Altar von Böll & Polls ausgeführt. Die Entwurfsgeschichte steht im Zusammenhang mit Heinrich Krings’ Ausstattungskonzept für die Kirche.

Auf der steinernen Mensa stehen dunkle Säulenpaare mit hellen Blattkapitellen. Darüber erhebt sich das reich geschnitzte hölzerne Retabel mit spätgotisch wirkenden Fialen. Die klaren architektonischen Rahmungen ordnen die Figuren und Szenen aus dem Leben des Patrons.

Die Ausführung durch Böll & Polls ist ausdrücklich für den Hochaltar belegt; sie darf nicht ohne Weiteres auf die Kanzel oder alle übrigen Einrichtungsstücke übertragen werden.

Der Pelikan – ein Zeichen der Hingabe

Ein Relief an der Mensa zeigt einen Pelikan mit seinen Jungen. In der christlichen Symbolik wurde der Vogel seit dem Mittelalter als Sinnbild der aufopfernden Liebe Christi gedeutet. Die ältere Vorstellung, dass der Pelikan seine Jungen mit eigenem Blut nähre, machte ihn zu einem Bild für Kreuzestod und Eucharistie.

Das Motiv ist kein zufälliger Zierrat. An einem Hochaltar stellt es eine Verbindung zwischen der Bildsprache des Kunstwerks und dem liturgischen Geschehen her. Gerade solche kleinen Reliefs zeigen, wie tief das historistische Bildprogramm in ältere religiöse Traditionen hineinreicht.

Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons

Am Hochaltar befinden sich laut der kunsthistorischen Beschreibung zwei steinerne Reliefs mit Szenen aus dem Leben des heiligen Pantaleon. Die seitlichen Figuren sind als Anna und Benedikt bezeichnet. Damit tritt neben die allgemeine christliche Symbolik eine konkrete Bindung an das Patrozinium und die kirchliche Erinnerungskultur.

Die Szenenfolge wird in den jüngeren Chorfenstern fortgesetzt. Für Besucher entsteht so ein Zusammenhang zwischen den steinernen Darstellungen am Altar und den farbigen Bildern darüber.

Glasfenster von Paul Weigmann

Der Landschaftsverband Rheinland nennt für die jüngeren Chorfenster den Leverkusener Maler Paul Weigmann. Die Verglasung führt die Themenwelt des heiligen Pantaleon weiter. Das Bildprogramm zeigt, dass Kirchenfenster mehr sind als dekorative Lichtquellen: Sie ergänzen die Skulpturen und Reliefs der übrigen Ausstattung.

In den leuchtenden Blau-, Rot- und Gelbtönen der Fenster bildet sich eine zweite Ebene der Erzählung. Je nach Sonnenstand erscheinen die Szenen unterschiedlich kontrastreich. Für die fotografische Dokumentation bedeutet dies, dass ein und dasselbe Fenster je nach Lichteinfall anders wahrgenommen wird.

Die beiden Seitenaltäre

Wie der Hochaltar stehen auch die Seitenaltäre in der Formensprache der Neugotik. Ihre Mensen sind einfacher gegliedert und tragen hölzerne Aufsätze mit Fialen, turmartigen Bekrönungen und figürlichem Schmuck. Das Besondere liegt in der Verbindung aus neuer Altararchitektur und älteren Kunstwerken.

Ein Teil dieser älteren Ausstattung wird in der Forschung der benachbarten Annakapelle zugeschrieben. Die erhaltenen Stücke wurden in die jüngeren Altäre übernommen – ein anschauliches Beispiel dafür, wie Kirchen älteres Kulturgut in neue liturgische Räume überführen.

Seitenaltar im KirchenraumDie Aufnahme zeigt den Zusammenhang aus Nebenaltar, Pfeilern und Fenstern.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Das Triptychon der Heiligen Drei Könige um 1530

Am nördlichen Seitenaltar befand sich nach der Dokumentation Heuser-Haucks ein älteres Triptychon, datiert um 1530. Sein Hauptmotiv ist die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Tafelmalerei wurde von einem neugotischen Aufsatz umrahmt, der selbst Jahrhunderte jünger ist.

Die Kombination macht den historischen Wert aus: Am selben Altar begegnen sich das Kunstschaffen des frühen 16. Jahrhunderts und die neugotische Formwelt des späten 19. Jahrhunderts. Solche mehrschichtigen Ensembles erzählen von Veränderung und Bewahrung.

Die eigene Dokumentation des Dreikönigstriptychons öffnen ↗

Anna selbdritt – die ältere Skulptur um 1500

Für den südlichen Seitenaltar beschreibt die Forschung eine Anna-selbdritt-Figur um 1500. Das Motiv zeigt die heilige Anna gemeinsam mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. Gerade im Rheinland war die Verehrung der Anna in der spätmittelalterlichen Volksfrömmigkeit stark verbreitet.

Die Skulptur und das Dreikönigstriptychon gehören zu den Ausstattungsstücken, deren zeitlicher Abstand zur neugotischen Kirche besonders deutlich ist. Bei der historischen Einordnung muss daher zwischen dem Entstehungsdatum des Bildwerks und dem Baujahr seines heutigen Altars unterschieden werden.

Die Evangelistenkanzel – ein Entwurf von Heinrich Krings

Die filigrane hölzerne Kanzel ist eines der bedeutendsten Kunstwerke von St. Pantaleon. Ihr polygonaler Korb ist mit Maßwerk, Fialen und vier figürlichen Nischen versehen. Sie zeigt die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – eine Bildauswahl, die unmittelbar auf die Verkündigungsfunktion der Kanzel verweist.

Neu belegter Forschungsstand: Die Dissertation von Sabine Heuser-Hauck führt die Kanzel ausdrücklich auf einen Entwurf Heinrich Krings’ zurück. Damit lässt sich ihr gestalterischer Zusammenhang mit der Kirche präziser benennen. Ein gesondertes gesichertes Fertigungsjahr oder der Name der ausführenden Schnitzwerkstatt geht aus der herangezogenen Passage hingegen nicht hervor.

Die EvangelistenkanzelDie Figuren der vier Evangelisten sind in sorgfältig geschnitzte Maßwerkfelder eingestellt.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme
Die Evangelistenkanzel ausführlich entdecken ↗Eigene Kunstwerkdokumentation: Figuren, Evangelistensymbole und geschnitztes Maßwerk im Detail.

Mensch, Löwe, Stier und Adler

Die vier Evangelisten tragen traditionelle Bildzeichen: Matthäus wird mit einem geflügelten Menschen beziehungsweise Engel verbunden, Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler. Die Motive haben ihre Wurzeln in biblischen Visionen und wurden im Laufe der christlichen Kunstgeschichte zu festen Attributen.

Dass die Evangelisten ausgerechnet am Kanzelkorb erscheinen, hat eine klare Bedeutung: Hier wurde die biblische Botschaft ausgelegt. Die geschnitzte Bildfolge macht diesen Zusammenhang anschaulich, ohne dass der Betrachter die Schrift lesen muss.

Schnitzwerk vom Kanzelkorb bis zum Fuß

Die Kanzel ist nicht nur wegen ihrer Figuren sehenswert. Das kleine Gefüge aus Pfeilern, Bögen und Fialen ist sorgfältig ausgearbeitet. Die Formen erinnern an die steinerne Architektur eines gotischen Kirchenbaus – im Maßstab eines Möbelstücks.

Besonders gut lässt sich das am geschnitzten Kanzelfuß erkennen: Hier führen profilierte Stützen und durchbrochen wirkende Ornamente die Formensprache des Kanzelkorbes weiter. Das Ausstattungsstück ist damit zugleich Holzskulptur und Architekturmodell.

Kanzelfuß im DetailGedrechselte und geschnitzte Formen setzen die neugotische Gestaltung bis zum Unterbau fort.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Das Taufbecken mit neugotischer Bekrönung

In einer Wandnische befindet sich ein auffallend gestaltetes Taufbecken. Auf dem steinernen Unterbau sitzt ein dunkler, hoch aufragender Holzdeckel mit feinen Bogenöffnungen und einer turmartigen Spitze. Die Formen stimmen mit der neugotischen Innenausstattung überein.

Das Taufbecken steht für den Eintritt in die christliche Gemeinschaft und ergänzt als liturgischer Ort den Hochaltar und die Kanzel. Die Fotos zeigen anschaulich, wie selbst praktische Einrichtungsstücke im Historismus aufwendig gestaltet werden konnten.

Historisches TaufbeckenDer steinerne Taufstein ist mit einem hohen, reich gegliederten Holzdeckel versehen.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Die geschnitzten Beichtstühle

Zu den Ausstattungsstücken zählen hölzerne Beichtstühle mit spitzen Giebeln und ornamentierten Flächen. Ihre Maßwerkgliederung ist mit den Formen der Kanzel verwandt. Auch sie nehmen das gestalterische Grundprinzip des Kirchenbaus im kleinen Maßstab wieder auf.

Feine Reliefs und eine figürliche Bekrönung geben diesen Möbeln ihren besonderen Charakter. Die Bilddokumentation erlaubt es, die handwerkliche Qualität auch dort wahrzunehmen, wo die Stücke im Halbdunkel des Kirchenraums stehen.

Neugotischer BeichtstuhlMaßwerk, Giebel und Fialen greifen die Formensprache des Gebäudes auf.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Detailkunst an den Beichtstühlen

Die neugotischen Ornamente sind nicht nur Dekoration. Wiederkehrende Kreuzformen, profilierte Stützen und spitz zulaufende Giebel gestalten einen Raum für das persönliche Gebet und das Sakrament der Versöhnung. Dabei folgt der Schnitzwerkstil konsequent der ästhetischen Sprache des Kirchenbaus.

Detail der HolzschnitzereiFein gearbeitetes Ornament am unteren Beichtstuhlbereich.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme
BeichtstuhlbekrönungEin Bild Christi mit dem Lamm unter steilem neugotischem Giebel.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Marienfiguren und Andachtsbilder

Neben den Altären bewahrt die Kirche verschiedene Marienbilder und Andachtsfiguren. Sie stehen für die private und gemeinschaftliche Frömmigkeit, die den Kirchenraum über die Gottesdienstzeiten hinaus prägt. Die Fotografie einer gekrönten Muttergottes mit Kind zeigt die farbige Fassung und den goldfarbenen Schmuck besonders deutlich.

Ohne Werkstattbelege und Inventare lassen sich nicht alle Figuren datieren. Deshalb werden die Aufnahmen hier zunächst als sichtbare Ausstattung dokumentiert und nicht pauschal einer Epoche zugeschrieben.

Maria mit dem KindDie vergoldeten Schmuckelemente und die Krone betonen die Verehrung Mariens.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Weitere Heilige – Christine und Josef

Die Kirche enthält weitere Skulpturen mit Heiligenmotiven. Eine Figur ist am Sockel ausdrücklich mit „St. Christine“ bezeichnet. Eine andere zeigt einen Mann mit Stab, der in der kirchlichen Bildtradition mit Josef in Verbindung steht. Solche Darstellungen machen die Vielfalt religiöser Vorbilder im Kirchenraum sichtbar.

Figur der heiligen ChristineDie Figur ist an ihrer Sockelinschrift als St. Christine bezeichnet.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme
JosefsfigurEine weitere Figur der figürlichen Kirchenausstattung.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Malerei und bildliche Andachtsformen

Auch gemalte Bilder ergänzen das Ensemble. Die Sammlung dokumentiert sowohl gerahmte Gemälde als auch eine Marienikone. Ihre Bildsprachen unterscheiden sich von den steinernen und geschnitzten Altären, dienen aber ebenfalls der Erinnerung, Andacht und Glaubensvermittlung.

Die hier eingebundenen Bilder sind fotografisch erfasst; Künstlerzuschreibungen, Entstehungsjahre und Restaurierungsgeschichten werden nicht ohne Inventarbeleg behauptet.

MarienikoneMarienbild mit Jesuskind vor goldfarbenem Hintergrund.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme
Historisches GemäldeDie Aufnahme dokumentiert eine der figürlichen Bildtafeln im Kirchenraum.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Orgel und Empore an der Westseite

Über dem Eingangsbereich liegt die Orgelempore. Vor der Westrose stehen die Pfeifenfelder der Orgel. Das Instrument gehört heute ebenso selbstverständlich zum Raumeindruck wie die Bänke, die Gewölbe oder der Hochaltar.

Die große Rosette bildet im Hintergrund ein farbiges Zentrum. Der Blick von der Orgel in Richtung Chor und der Blick vom Schiff zurück zur Empore machen deutlich, wie bewusst der Innenraum in beiden Blickrichtungen komponiert ist. Ein gesichertes Erbauungsjahr der heutigen Orgel wird hier nicht angegeben.

WestemporeOrgel, Rosettenfenster und farbig gefasste Gewölberippen.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Das Fensterlicht verändert den Raum

Große Fenster in den Seitenschiffen und farbige Chorverglasungen lassen den Innenraum je nach Tageszeit anders erscheinen. Besonders die rötlichen Pfeiler und Gewölberippen gewinnen bei seitlichem Sonnenlicht an Plastizität.

Das Licht bestimmt auch, wie die Kunstwerke gesehen werden: Einzelne Figuren treten in den Vordergrund, während andere im Schatten bleiben. In dieser wechselnden Wirkung liegt ein besonderer Reiz der Fotografien.

Pfeiler, Fenster und KanzelEin seitlicher Blick macht die Breite des Kirchenraums deutlich.Foto: © The Camino History · eigene Aufnahme

Der historische Pfarrhof

Zum historischen Kirchenumfeld gehört auch der Pfarrhof. KuLaDig nennt Ursprünge im 16. Jahrhundert und beschreibt Umbauten im 18. Jahrhundert, die dem Gebäude ein spätbarock geprägtes Erscheinungsbild gaben. Der ältere Pfarrhof verweist darauf, dass das religiöse Leben Badorfs nicht erst mit dem großen Neubau von 1897 einsetzte.

Kirche und Pfarrhof stehen für zwei verschiedene Epochen: eine lange gewachsene Orts- und Seelsorgegeschichte einerseits und die repräsentative Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts andererseits.

Ein geschütztes Zeugnis der Kulturlandschaft

St. Pantaleon wird in der Landschaftsdokumentation des LVR als wertgebender Bestandteil des historischen Kulturlandschaftsbereichs Badorf eingeordnet. Ihre herausgehobene Lage, die Verbindung zu älteren kirchlichen Standorten und die neugotische Baugestalt begründen ihre Bedeutung.

Für die heutige Betrachtung zählt nicht allein der Zustand von 1897. Ebenso wichtig sind erhaltene ältere Ausstattungsstücke, nachträgliche Veränderungen und die Nutzung des Gebäudes als lebendiger religiöser Ort.

St. Pantaleon und die Via Coloniensis

Durch die Region Brühl führt die Via Coloniensis, ein Jakobsweg, der den Kölner Dom über das Rheinland und die Eifel mit Trier verbindet. Im Etappenmodell führen die ersten Abschnitte von Köln nach Brühl und weiter Richtung Euskirchen. In diesem Umfeld ist St. Pantaleon ein sehenswerter Ort für Menschen, die sich auf die Geschichte des Pilgerns und seine Kirchenkunst einlassen möchten.

Die Kirche gehört damit in den kulturellen Kontext einer Pilgerregion. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der markierte Hauptweg unmittelbar an ihrem Portal vorbeiführt. Wer einen Abstecher plant, sollte die aktuelle Routenführung auf der Wegekarte überprüfen.

Via Coloniensis – der Jakobsweg Köln–Trier ↗Etappen, Sehenswürdigkeiten und historische Hintergründe auf The Camino History.

Für Pilger und kulturgeschichtlich Interessierte

Als Zwischenhalt bietet die Kirche einen Einblick in den Sakralbau des 19. Jahrhunderts. Der Blick auf Hochaltar, Altarteile aus älterer Zeit und Evangelistenkanzel hilft dabei, die Entwicklung kirchlicher Kunst über mehrere Jahrhunderte nachzuvollziehen.

Eine eigene Pilgerherberge oder Stempelstelle unmittelbar an St. Pantaleon ist durch die verwendeten Quellen nicht bestätigt. Die regionalen kirchlichen Hinweise nennen jedoch weitere Anlaufstellen und Übernachtungsmöglichkeiten im Raum Brühl. Vor einem Besuch sollten Öffnungszeiten, Gottesdienste sowie mögliche Pilgerangebote bei der Gemeinde beziehungsweise den zuständigen Stellen erfragt werden.

Standort und interaktive Karte

St. Pantaleon liegt in Brühl-Badorf (Nordrhein-Westfalen). Die Karte zeigt den Standort und lässt sich wie bisher in voller Größe öffnen. Auf dem Weg durch den Ort lohnt es sich, sowohl die Außenansicht mit der Höhenlage als auch den Innenraum zu betrachten.

Weitere Fotografien der Kirche und Ausstattung

Die folgenden Aufnahmen erweitern den Rundgang durch St. Pantaleon. Sie zeigen zusätzliche Blickwinkel aus der vorhandenen Fotodokumentation vom Oktober 2024. Wo ein einzelnes Detail nicht kunsthistorisch gesichert zugeordnet ist, bleibt seine Bildbeschreibung bewusst allgemein.

Ein Klick auf ein Foto öffnet die Großansicht; über die Pfeile können die Bilder der Seite durchgeblättert werden.

Weiterführende Dokumentationen und Kunstgalerien

Mit der Evangelistenkanzel besitzt St. Pantaleon bereits eine eigenständige Kunstwerkdokumentation. Weitere Einträge aus den Kunstgalerien führen zu vergleichbaren Objekten in anderen Kirchen.

Quellen, Literatur und Bildnachweise

Für die Baugeschichte und Werkangaben wurden die ursprüngliche Kirchendokumentation, das LVR-Inventar und die wissenschaftliche Architekturmonographie herangezogen. Die Abbildungen stammen aus dem eigenen WordPress-Medienbestand von The Camino History.

  1. Landschaftsverband Rheinland / KuLaDig: Katholische Pfarrkirche Sankt Pantaleon in Badorf, Christoph Kühn (2012) – Patrozinium, Ortsgeschichte, Hallenkirche, Hochaltar, Weigmann-Fenster und Pfarrhof.
  2. Sabine Heuser-Hauck: Der Architekt Heinrich Krings (1857–1925), Dissertation Universität Bonn (2005), insbesondere S. 58–61, 93–94 und Werkkatalog St. Pantaleon ab S. 195 – Architektur, Kanzelentwurf, Hochaltar von 1898, Triptychon um 1530 und Anna selbdritt um 1500.
  3. kirchbau.de: St. Pantaleon Brühl-Badorf – Standort, Bautyp und Bauzeit.
  4. Seelsorgebereich Brühl: Kirche St. Pantaleon Brühl-Badorf – Gemeindeseite.
  5. St.-Jakobus-Bruderschaft Trier: Via Coloniensis – regionale Etappenfolge des Jakobswegs Köln–Trier.
  6. The Camino History: St. Pantaleon – frühere Dokumentation – bewahrte Beschreibungen und eigene Fotografien.

Bildnachweise: Sämtliche eingebundenen Fotografien von St. Pantaleon und ihrer Ausstattung wurden im eigenen Medienbestand von The Camino History ausgewählt. Foto: © The Camino History.

Zur Genauigkeit: Die Datierungen von Triptychon und Anna-selbdritt-Figur sind kunsthistorische Einordnungen (um 1530 bzw. um 1500). Für einzelne weitere Figuren oder das Orgelinstrument wurden bewusst keine unbelegten Künstlernamen oder Herstellungsjahre ergänzt.

1 Kommentar zu „Brühl Badorf – Katholische Pfarrkirche St. Pantaleon“

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