Rothenburg ob der Tauber · St. Jakob · Sakrale Kunst

Der Zwölf-Boten-Altar
in St. Jakob

Friedrich Herlins Hochaltar von 1466 verbindet den geschnitzten Kreuzigungsschrein mit der Geschichte Mariens, dem Leben des Apostels Jakobus und den mittelalterlichen Pilgerlegenden.

Friedrich Herlin1466Spätgotisches Flügelretabel
Gesamtaufnahme des Zwölf-Boten-Altars in St. Jakob in Rothenburg ob der Tauber mit Flügeln und Kreuzigungsschrein
Der Zwölf-Boten-Altar · Rothenburg ob der Tauber
1466Entstehung und Datierung
Friedrich HerlinMaler der Flügeltafeln
Zwölf ApostelPredella
OstchorSt. Jakobskirche
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01 · Zwölf-Boten-Altar

Ein Hochaltar mit zwei Bildwelten

Der Zwölf-Boten-Altar von 1466 steht im Ostchor der evangelisch-lutherischen St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber. Das großformatige spätgotische Retabel wird auch Herlin-Altar genannt, denn die aufwendig bemalten Flügeltafeln stammen von Friedrich Herlin. Seinen Namen „Zwölf-Boten-Altar“ verdankt das Werk den zwölf Aposteln in der Predella, dem unteren Altarbereich.

Zwischen dem geschnitzten Kreuzigungsschrein, den farbkräftigen Erzählbildern und der reichen Vergoldung entfaltet sich ein Bildprogramm, das weit über die eigentliche Altarfunktion hinausweist. Bei geöffneten Flügeln prägen die Szenen aus dem Leben Mariens und Christi das Erscheinungsbild. Die geschlossenen Flügel hingegen erzählen vom Kirchenpatron Jakobus dem Älteren, von seiner Verehrung und von mittelalterlichen Pilgern.

Diese beiden Ansichten machen den Altar zugleich zu einem herausragenden Zeugnis der Malerei des 15. Jahrhunderts und zu einer außergewöhnlich dichten Bildquelle zur Geschichte des Jakobswegs.

Entstehung1466 · Spätgotik
FlügelgemäldeFriedrich Herlin
AltarschreinHans Waidenlich · Schnitzer unbekannt
StandortOstchor der St. Jakobskirche
Zwei Ansichten – zwei Bildprogramme

Festtagsseite: Kreuzigungsschrein und Marienleben. Werktagsseite: Leben und Martyrium des Jakobus sowie Pilger- und Wunderlegenden. Beide Seiten ergänzen einander thematisch und liturgisch.

02 · Zwölf-Boten-Altar

St. Jakob in Rothenburg ob der Tauber

Die St. Jakobskirche wurde im 14. und 15. Jahrhundert in mehreren Bauphasen errichtet und ist bis heute einer der wichtigsten historischen Sakralbauten Rothenburgs. Der Zwölf-Boten-Altar nimmt dort als Hochaltar im Ostchor eine zentrale Stellung ein. Anders als der berühmte Heiligblut-Altar von Tilman Riemenschneider befindet sich das Herlin-Retabel also nicht im Westchor.

Die Kirche liegt seit Jahrhunderten an Pilgerwegen, die mit der Verehrung des Apostels Jakobus verbunden sind. Der Kirchenpatron erscheint nicht nur im Namen des Bauwerks, sondern auch im Altarschrein, auf den Flügelaußenseiten und in der Bildwelt der Pilger.

Die St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber beherbergt den Zwölf-Boten-Altar im Ostchor.

Mit dem Zwölf-Boten-Altar im Osten und dem Heiligblut-Altar von Tilman Riemenschneider im westlichen Kirchenbereich besitzt St. Jakob zwei herausragende, in Bildsprache und Entstehungszeit unterschiedliche Retabel.

03 · Zwölf-Boten-Altar

Friedrich Herlin und die Entstehung von 1466

Der Maler Friedrich Herlin war im 15. Jahrhundert im süddeutschen Raum tätig und schuf bedeutende Altarbilder. Das Rothenburger Retabel ist mit der Jahreszahl 1466 datiert. Die Verbindung von präziser Figurenzeichnung, eindringlicher Erzählweise und kostbar gemalten Stoffen entspricht einem Stil, der auch Einflüsse niederländischer Malerei erkennen lässt.

Die Herstellung eines großen Flügelretabels war eine arbeitsteilige Aufgabe. Der Name Herlin bezeichnet vor allem die maßgebliche malerische Leistung und die Organisation des Projekts; nicht sämtliche Teile des Altars wurden von seiner Hand ausgeführt. Das ist für die kunsthistorische Einordnung entscheidend: Architektur, Schnitzwerk, Fassungen und Malerei gehören zusammen, ohne dass sie einem einzigen Künstler zugeschrieben werden können.

Mit diesem Altar entstand ein Werk, das im Kirchenraum liturgische Aufgaben erfüllte und zugleich die Geschichte des Kirchenpatrons vor Augen führte. Die Außenseiten richten sich mit ihren Pilgerbildern unmittelbar an jene, die im Apostel Jakobus einen Fürsprecher und Schutzpatron erkannten.

04 · Zwölf-Boten-Altar

Schrein, Bildschnitzerei und Werkstatt

Den reich gegliederten Altarschrein fertigte der aus Nördlingen stammende Schreiner Hans Waidenlich. Die Namen der Bildschnitzer sind nicht sicher überliefert. Kunsthistorisch werden die Figuren in den Umkreis süddeutscher Werkstätten gestellt; insbesondere Anklänge an die Kunst Hans Multschers und die plastische Formensprache der Zeit werden diskutiert.

Der Altar zeigt, wie eng die unterschiedlichen Handwerke miteinander verbunden waren: Der geschnitzte Schrein gibt der Figurenanordnung den architektonischen Rahmen; die Malerei entfaltet die erzählerischen Zyklen; vergoldete Oberflächen und ornamentale Elemente führen beides zusammen. Diese Zusammenarbeit gehörte zur hochentwickelten Retabelproduktion des 15. Jahrhunderts.

Friedrich Herlin

Ausführung der Flügelgemälde und maßgebliche künstlerische Verantwortung für das Retabel.

Hans Waidenlich

Herstellung des architektonischen Altarschreins; die Bildschnitzer sind nicht namentlich bekannt.

05 · Zwölf-Boten-Altar

Der geöffnete Altar: Aufbau und Dimensionen

Das Retabel besteht aus einem mehrstufigen Schrein, einem hoch aufragenden Gesprenge, zwei wandelbaren Flügeln und einer farbig gefassten Predella. Mit geöffneten Flügeln erreicht die Anlage nach kunsthistorischen Katalogangaben etwa zehn Meter Höhe und 7,35 Meter Breite. Dadurch bestimmt sie maßgeblich die Raumwirkung des Ostchores.

Der geöffnete Zwölf-Boten-Altar im Ostchor der St. Jakobskirche.

Im Schrein steht die Kreuzigung Christi im Mittelpunkt. Ringsum befinden sich großformatige Heiligenfiguren vor kostbar wirkenden Hintergrundflächen. Die Flügelinnenseiten rahmen diesen plastischen Kern mit Szenen aus dem Marienleben, während die Predella als untere Zone das Apostelthema aufnimmt.

Der Wechsel zwischen der flachen Malerei der Bildtafeln und der plastischen Tiefe des Schreins gehört zu den wesentlichen Gestaltungsmitteln spätgotischer Wandelaltäre. Vor allem beim Öffnen der Flügel entsteht eine neue, festlich gesteigerte Gesamtwirkung.

06 · Zwölf-Boten-Altar

Kreuzigung und Heilige im Mittelschrein

Im Zentrum des Schreins erscheint Christus am Kreuz, flankiert von Maria und Johannes. Hinzu kommen vier weitere Heilige: von links nach rechts Elisabeth, Jakobus der Ältere in Pilgertracht, Leonhard und Antonius der Eremit. Diese Anordnung ist in den kirchlichen Beschreibungen des Altars ausdrücklich belegt.

Der geöffnete Hochaltar mit Kreuzigungsgruppe, Heiligenfiguren und gemalten Flügeltafeln.

Die Figuren stehen vor einem goldglänzenden, an kostbaren Brokat erinnernden Hintergrund. Der Apostel Jakobus ist als Kirchenpatron besonders hervorgehoben. Als Pilgerfigur verbindet er die Kreuzigung im Zentrum mit den Erzählungen der Flügelaußenseiten.

Auch die über dem Schrein angeordnete Christusfigur und die darunterliegende Predella tragen zur Bildidee bei: Die unterschiedlichen Christusdarstellungen auf der Mittelachse verbinden Passion, Erlösung und Sendung der Apostel.

07 · Zwölf-Boten-Altar

Die zwölf Apostel in der Predella

Seinen Namen verdankt der Zwölf-Boten-Altar den zwölf Aposteln im unteren Aufbau. Die Predella zeigt sie im Zusammenhang mit dem segnenden Christus. Sie bildet damit eine eigene Ebene des Retabels, die zugleich den Bezug zwischen Kreuzigung und apostolischer Verkündigung herstellt.

Der Begriff „Boten“ verweist auf ihre Sendung: Die Apostel wurden nach christlichem Verständnis ausgesandt, um die Botschaft Jesu weiterzutragen. Ihre Darstellung am unteren Teil des Hochaltars ist deshalb kein bloßes dekoratives Detail, sondern ein zentraler Bestandteil des Gesamtprogramms.

Namensgebung

Die zwölf Apostel sind in der Predella dargestellt. Die großen geschnitzten Figuren im Hauptschrein zeigen dagegen die Kreuzigungsgruppe und ausgewählte Heilige – darunter Jakobus, Elisabeth, Leonhard und Antonius.

08 · Zwölf-Boten-Altar

Die Festtagsseite und das Marienleben

Auf den Innenseiten der Flügel entfaltet sich der festliche Zyklus aus dem Leben Mariens und Christi. Acht farbkräftige Bilder führen von den Anfängen der Heilsgeschichte über Geburt und Kindheit Christi bis zum Tod Mariens. Die Szenen sind reich an erzählerischen Details, Architektur, farbigen Gewändern und gemalten Stoffmustern.

Anders als die Außenseiten mit den Jakobusgeschichten richtet sich die Festtagsseite auf die zentralen christlichen Heilsereignisse. Die Bilder begleiten und umrahmen den Kreuzigungsschrein. Dabei greifen erzählerische Malerei und geschnitzte Figuren so ineinander, dass der Altar als geschlossenes theologisches Bildprogramm erscheint.

09 · Zwölf-Boten-Altar

Der linke geöffnete Flügel: Verkündigung bis Beschneidung

Die vier Bildtafeln des linken geöffneten Flügels stellen nach der Bildfolge Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi und Beschneidung Christi dar. Sie folgen der biblischen Erzählung vom Anfang der Menschwerdung und von der frühen Kindheit Jesu.

Linker Flügel mit Verkündigung, Heimsuchung, Geburt und Beschneidung Christi.

Verkündigung und Heimsuchung

In der Verkündigung tritt der Engel Gabriel zu Maria und überbringt ihr die Botschaft von der Geburt Jesu. Die Heimsuchung zeigt die Begegnung Mariens mit Elisabeth. Die beiden Szenen bilden einen erzählerischen Auftakt, in dem göttliche Verheißung und menschliche Begegnung eng aufeinander folgen.

Geburt und Beschneidung Christi

Die Geburt Christi verlagert das Geschehen nach Bethlehem. In der Darstellung der Beschneidung wird das Kind in die religiöse Ordnung des jüdischen Bundes eingeordnet. Die Abfolge macht sichtbar, wie eng die Lebensgeschichte Jesu mit derjenigen Mariens verbunden ist.

Die Goldgründe und Stoffmuster betonen den feierlichen Charakter der Bilder, während die Architektur und Figurengruppen der Erzählung einen nachvollziehbaren Schauplatz geben.

10 · Zwölf-Boten-Altar

Der rechte geöffnete Flügel: Könige, Tempel und Marientod

Auf dem rechten geöffneten Flügel setzt sich die Folge mit der Anbetung der Könige, der Darbringung Christi im Tempel und dem über zwei Bildfelder verteilten Marientod fort. Die einzelnen Szenen greifen unterschiedliche Stationen aus dem Marienleben auf und verdichten sie zu einem festlich gestalteten Erzählzyklus.

Rechter Flügel mit Anbetung der Könige, Darstellung im Tempel und dem Marientod.

Anbetung der Könige und Darbringung im Tempel

Bei der Anbetung der Könige treten die Weisen mit ihren Gaben vor das Jesuskind. Die Darbringung im Tempel zeigt Maria und Josef mit dem Kind und verweist auf die Erfüllung religiöser Vorschriften sowie auf die Begegnung mit Simeon.

Der Marientod auf zwei Tafeln

Der Marientod beansprucht zwei Bildfelder. Maria erscheint im Kreis der Apostel; ihre Gemeinschaft und Trauer bestimmen den erzählerischen Schwerpunkt. Die Zweiteilung schafft mehr Raum für Figuren, Gesten und Details der Abschiedsszene.

11 · Zwölf-Boten-Altar

Die Außenseiten: Jakobus, Martyrium und Pilger

Bei geschlossenem Altar treten die Flügelaußenseiten mit den Geschichten des Apostels Jakobus in den Vordergrund. Diese Werktagsseite unterscheidet sich grundlegend von der Festtagsseite. An die Stelle des Marienlebens treten das Wirken des Kirchenpatrons, seine Verhaftung und sein Martyrium sowie Bildfolgen der Pilgerschaft.

Die Malerei verbindet biblische und legendäre Überlieferungen. Jakobus erscheint als Verkünder des Glaubens, als Märtyrer und als himmlischer Helfer für Menschen auf dem Weg. Aus diesem Grund sind die Außenseiten nicht nur für die Geschichte Rothenburgs, sondern auch für die europäische Jakobsweg-Ikonographie von besonderem Interesse.

Erzählstruktur der Außenseiten

Der Zyklus verbindet Szenen aus dem Leben und Tod des Jakobus mit Legenden seiner Überführung sowie mit Pilgererzählungen vom Wunder am Galgen und vom wieder lebendig gewordenen Geflügel.

12 · Zwölf-Boten-Altar

Die Jakobuslegende auf den Flügelbildern

Ein Teil der Außenseiten ist dem Wirken und Martyrium des Apostels Jakobus gewidmet. Er wird als Prediger gezeigt und später gefangen genommen beziehungsweise vor eine richterliche Instanz geführt. Seine Enthauptung gehört ebenfalls zum Erzählzyklus.

Jakobuslegende: Gefangennahme und Vorführung des Apostels.
Weitere Szene aus der Jakobusfolge auf den Flügelaußenseiten.

Die Gestalten tragen Gewänder und bewegen sich in architektonischen Räumen, wie sie im 15. Jahrhundert vorstellbar waren. Die Bilder zeigen damit nicht allein die heilige Geschichte: Sie vergegenwärtigen sie durch Kleidung, Gestik und Schauplätze, die den damaligen Betrachtenden vertraut gewesen sein konnten.

Legende und historische Überlieferung

Die neutestamentliche Überlieferung berichtet von der Hinrichtung des Jakobus durch Herodes Agrippa I. in der Apostelgeschichte. Die mittelalterlichen Bilderzyklen gehen darüber hinaus und verbinden das Martyrium mit späteren Erzählungen über die Überführung seines Leichnams und die Entstehung des Pilgerorts Santiago de Compostela.

13 · Zwölf-Boten-Altar

Überführung des Jakobus und die Rothenburger Stadtansicht

In einer weiteren Szene wird der Leichnam des heiligen Jakobus auf einem von zwei Stieren gezogenen Wagen transportiert. Die wunderhafte Überführung gehört zur mittelalterlichen Jakobusüberlieferung und steht in engem Zusammenhang mit der Verehrung des Apostels in Santiago de Compostela.

Besonders bemerkenswert ist die Stadtansicht im Hintergrund: Statt einer fernen Landschaft ist dort der Rothenburger Marktplatz mit Architektur der Reichsstadt dargestellt. Die Kunstgeschichte würdigt diese Darstellung als älteste erhaltene bildliche Ansicht Rothenburgs. Ein legendäres Ereignis wird auf diese Weise in die Stadt- und Lebenswelt des 15. Jahrhunderts übertragen.

Der Altar ist dadurch zugleich eine historische Bildquelle. Er zeigt nicht nur, wie man sich die Geschichte des Apostels vorstellte, sondern hält auch zeitgenössische Vorstellungen von städtischer Architektur und öffentlichem Raum fest.

14 · Zwölf-Boten-Altar

Die Geschichte des Galgen- und Hühnerwunders

Zur Jakobusüberlieferung gehört die mittelalterliche Galgen- und Hühnerlegende. Sie erzählt von einem jungen Pilger, der auf dem Weg nach Santiago zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt und gehängt wird. Die Eltern setzen ihre Wallfahrt fort. Als sie zurückkehren, finden sie den Sohn noch lebend am Galgen, weil der Apostel Jakobus ihn nach der Legende bewahrt hat.

Darstellung aus der Bildfolge des Galgen- und Hühnerwunders.
Weitere Darstellung aus der mittelalterlichen Hühnerlegende.

In der verbreiteten Erzählfassung bezweifelt ein Richter die Nachricht und erklärt sinngemäß, der junge Pilger sei ebenso lebendig wie das gebratene Geflügel auf seinem Tisch. Daraufhin werden Hahn und Huhn wieder lebendig. Das Wunder bestätigt die Unschuld des Pilgers und die schützende Macht des Apostels.

Eine Legende mit mehreren Bildstationen

Die Rothenburger Tafeln zeigen nicht bloß ein einzelnes Wunderzeichen, sondern verschiedene Momente der Pilgergeschichte. Die Erzählung handelt von falscher Anklage, Gewalt, Hoffnung, Rettung und göttlicher Gerechtigkeit. Dadurch wurde sie zu einem besonders einprägsamen Motiv der mittelalterlichen Jakobusverehrung.

Die Geschichte ist als Heiligenlegende zu verstehen, nicht als historisch nachweisbarer Gerichtsfall. Ihre Verbreitung über Texte, Predigten und Bilder verdeutlicht, welche Vorstellungen von Schutz und Fürsprache die Pilger des Mittelalters begleiteten.

15 · Zwölf-Boten-Altar

Die Signatur Herlins und ein mögliches Selbstbildnis

Die bemalten Außenseiten sind auch für die Geschichte des Künstlers selbst aufschlussreich. Friedrich Herlin hat das Werk mit seinem Namen und dem Jahr 1466 verbunden. Die Signatur sitzt im Bereich der Pilgerbilder und stellt eine seltene ausdrückliche Nennung des Malers innerhalb eines spätgotischen Altarwerks dar.

Die kunsthistorische Forschung diskutiert zudem, ob Herlin sich in der Szene der Einholung der Pilger selbst dargestellt haben könnte. Im Hintergrund steht ein Pilger, dessen Blick sich auffällig nach außen richtet. Unter anderem Ernst Buchner hat darin eine mögliche Selbstdarstellung erkannt; spätere Untersuchungen greifen diesen Gedanken auf.

Kunsthistorische Deutung

Die Identifizierung als Selbstporträt ist eine Forschungsposition, keine gesicherte Personenbestimmung. Die besondere Blickführung und die Nähe zur Künstlersignatur werden als Argumente für diese Interpretation angeführt.

Gerade hier wird das Bild zum Zeugnis eines veränderten Künstlerbewusstseins: Ein Maler erscheint nicht nur als ausführender Handwerker, sondern möglicherweise als Teil des von ihm gestalteten Erzählraums.

16 · Zwölf-Boten-Altar

Farbigkeit, Goldgrund und niederländische Einflüsse

Die Flügeltafeln sind reich an kräftigen Farben, Goldflächen und fein ausgearbeiteten Brokatmustern. Kostbare Gewänder, architektonische Hintergründe und kleinteilige Szenen verleihen der Malerei eine dichte erzählerische Qualität. Die Figuren stehen häufig in klar gegliederten Räumen, die Blick und Handlung lenken.

In der kunsthistorischen Forschung werden bei Herlin deutliche Einflüsse der niederländischen Malerei festgestellt. Sie zeigen sich etwa in der Behandlung von Stoffen, der Liebe zum Detail und der Art, wie einzelne Menschen durch Gesten und Körperhaltungen charakterisiert werden.

Entscheidend ist zugleich das Zusammenwirken von Schnitzwerk und Tafelmalerei. Die vergoldeten plastischen Figuren und die farbintensiven Flügelbilder bilden eine abgestimmte festliche Einheit, die im geöffneten Zustand ihre größte Wirkung entfaltet.

17 · Zwölf-Boten-Altar

Reformation, Übermalung von 1582 und Freilegung von 1922

Nach der Reformation veränderte sich der Umgang mit dem Altar und insbesondere mit den Darstellungen des Kirchenpatrons. Im Jahr 1582 wurden die Jakobusbilder auf den Außenseiten vom Maler Martin Greulich mit Passionsszenen übermalt. Die innere Festtagsseite blieb dagegen erhalten.

Bei dieser Veränderung blieben nach den historischen Beschreibungen Teile der Hintergrundmalerei stehen, darunter die bekannte Ansicht des Rothenburger Marktplatzes. Die Übermalung spiegelt die veränderten religiösen und konfessionellen Voraussetzungen der Zeit wider.

Im Jahr 1922 wurden die späteren Malschichten entfernt und die älteren Jakobusdarstellungen freigelegt. Dadurch wurde der mittelalterliche Bilderzyklus wieder sichtbar. Zugleich ging mit der Abnahme ein Zeugnis der späteren, nachreformatorischen Nutzungsgeschichte verloren. Die Restaurierung ist daher nicht nur ein Kapitel der Erhaltung, sondern auch ein Beispiel für die unterschiedlichen denkmalpflegerischen Entscheidungen vergangener Epochen.

1582

Martin Greulich übermalt die Jakobusbilder der Außenseiten mit Passionsszenen.

1922

Die Übermalungen werden abgenommen und die älteren Bildfelder wieder freigelegt.

18 · Zwölf-Boten-Altar

Warum der Zwölf-Boten-Altar für Pilger besonders ist

Der Herlin-Altar gehört zu den seltenen großen Retabeln, in denen die Geschichte der Pilgerschaft selbst eine so ausführliche bildliche Gestalt erhält. Der Kirchenpatron Jakobus erscheint nicht nur als geschnitzte Figur, sondern auch als Prediger, Märtyrer und Helfer von Menschen auf dem Weg.

Die Pilgergeschichten vermitteln, wie eng Hoffnung, Gefahr und religiöse Zuversicht in mittelalterlichen Reiseerzählungen verbunden waren. Die Ankunft, die Rückkehr, die falsche Beschuldigung und das Wunder am Galgen bilden Erzählungen, in denen sich die Lebenswelt reisender Menschen spiegelt.

Für die Geschichte der Jakobswege ist das Retabel besonders aufschlussreich, weil es nicht erst rückblickend von der Pilgerschaft erzählt, sondern aus einer Epoche stammt, in der solche Bildprogramme Bestandteil der gelebten Frömmigkeit waren.

19 · Zwölf-Boten-Altar

Zwei große Altäre in derselben Kirche

Mit dem Zwölf-Boten-Altar von 1466 und dem rund vier Jahrzehnte später entstandenen Heiligblut-Altar von Tilman Riemenschneider besitzt St. Jakob zwei bedeutende Werke, die unterschiedliche Aspekte spätmittelalterlicher Kunst zeigen. Während das Herlin-Retabel eine reich bemalte, wandelbare Anlage mit Kreuzigungsschrein und umfangreichen Erzählzyklen ist, setzt der Heiligblut-Altar auf die besondere Wirkung monochromer Schnitzkunst und die Präsentation einer Reliquie.

Beide Werke gehören zur Geschichte der Stadt als Pilgerort. Der eine Altar zeigt die Geschichten des Kirchenpatrons und seiner Pilger, der andere konzentriert sich auf die Eucharistie und die Heilig-Blut-Verehrung.

20 · Zwölf-Boten-Altar

Den Zwölf-Boten-Altar vor Ort betrachten

Der Altar steht im Ostchor von St. Jakob und prägt den liturgischen Mittelpunkt der Kirche. Von hier aus sind seine große Gesamtkomposition, der Kreuzigungsschrein, die Apostelpredella und die gemalten Flügel zu erfassen. Die Jakobusgeschichten befinden sich auf der anderen, geschlossenen Flügelseite; ihre Motive sind insbesondere durch fotografische Detailaufnahmen und kunsthistorische Darstellungen erschließbar.

Wer die Kirche besucht, findet den Zwölf-Boten-Altar und den Heiligblut-Altar in unterschiedlichen Bereichen des Bauwerks. Informationen zur Kirche und zu Besichtigungsmöglichkeiten bietet die offizielle Rothenburger Besucherinformation zur St. Jakobskirche.

21 · Zwölf-Boten-Altar

Häufige Fragen zum Zwölf-Boten-Altar

Wer hat den Zwölf-Boten-Altar geschaffen?

Die Flügelgemälde stammen von Friedrich Herlin und sind mit 1466 verbunden. Den Schrein fertigte Hans Waidenlich. Die Bildschnitzer sind nicht sicher namentlich bekannt.

Warum heißt er Zwölf-Boten-Altar?

Der Name geht auf die zwölf Apostel in der Predella zurück. Sie stehen für die Verkündigung und Weitergabe der christlichen Botschaft.

Wo steht der Altar?

Der Zwölf-Boten-Altar ist der Hochaltar im Ostchor der St. Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber.

Was zeigen die geöffneten Flügel?

Die Innenseiten zeigen acht Szenen aus dem Leben Mariens und Christi, darunter Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi, Anbetung der Könige und den Marientod.

Was ist auf den geschlossenen Flügeln dargestellt?

Die Außenseiten erzählen vom Leben und Martyrium des Apostels Jakobus sowie von Pilgern und wunderhaften Erzählungen, darunter dem Galgen- und Hühnerwunder.

Warum ist das Retabel auch für die Stadtgeschichte bedeutsam?

Eine Szene der Jakobuslegende zeigt den Rothenburger Marktplatz im Hintergrund. Sie gilt als älteste erhaltene bildliche Ansicht der Stadt.

Was geschah mit den Jakobusbildern nach der Reformation?

1582 wurden sie von Martin Greulich mit Passionsbildern übermalt. Bei einer Restaurierung 1922 wurden die älteren Darstellungen wieder freigelegt.

22 · Zwölf-Boten-Altar

Quellen und Literatur

Weiterführende Fachliteratur: Ralf Krüger, Friedrich Herlin. Maler und Altarbauunternehmer (Rothenburg ob der Tauber, 2004); Rainer Kahsnitz, Die großen Schnitzaltäre (München, 2005). Die Werke werden im kunsthistorischen Forschungskatalog Metapictor für den Altar genannt.

Ein Zeugnis spätgotischer Malerei und Jakobusverehrung

Weitere Werke aus Rothenburg und Europa findest du in der Historischen Altargalerie.

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